Naïssam Jalals neue CD Landscapes of Eternity ist ein Werk, das man nicht einfach „mal eben“ hört. Die französisch-syrische Flötistin, Sängerin und vielfach ausgezeichnete Komponistin – deren Karriere längst von renommierten Preisen und internationalen Projekten geprägt ist – taucht hier tief in die Welt der Hindustani-Musik ein. Monatelange Reisen durch Indien, Begegnungen mit Meistern der Tradition und eine spürbare spirituelle Suche bilden das Fundament dieses Albums.
Die fünf Stücke sind lang, ausgedehnt, fast schon rituell. Wer schnelle Hooks oder klare Songstrukturen erwartet, wird hier nicht fündig. Stattdessen entfalten sich die Kompositionen langsam, geduldig, wie Landschaften im Morgennebel. Tanpura-Drones, verhaltene Tabla-Passagen und Sarod-Linien bilden ein schwingendes Fundament, über dem Jalals Flöte und ihre wortlosen Vocals schweben. Für europäische Ohren kann dieser Sound fremdartig wirken – die modalen Strukturen, die gedehnten Bögen, die spirituelle Ernsthaftigkeit. Aber genau darin liegt für einige der Reiz: Wer sich darauf einlässt, wird hineingezogen in eine Musik, die nicht unterhalten will, sondern verwandeln. Musikalisch bewegt sich Jalal zwischen meditativer Ruhe und eruptiver Intensität. Stücke wie „Tears in Delhi’s Fog“ zeigen, wie sie Hindustani-Melodik mit jazziger Freiheit verbindet – mal lyrisch, auf zwei Songs – nach langsamen Beginn – zum Ende hin auch mal wild, fast kathartisch. Andere Tracks entfalten sich wie kleine Reisen durch Zeit und Raum, wirken wie musikalische Naturbetrachtung (z.B. „Soft Rain on a silent River“). Oft hört bzw. liest man die wohlklingende Weisheit, Musik sei eine „universelle Sprache“. Natürlich kann sie verbinden – aber Naïssam Jalal weist zu Recht darauf hin, dass diese Vorstellung zu kurz greift. Für sie ist Musik keine globale Esperanto-Emotion, sondern etwas viel Tieferes. „A musical language is the intimate expression of a community’s spirit“, sagt sie – und erinnert daran, dass jede musikalische Tradition aus einem ganz bestimmten kulturellen und mitunter spirituellen Kontext heraus spricht.
Landscapes of Eternity verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit und Zeit. Aber wer bereit ist, sich auf diese knapp einstündige Reise einzulassen und ein Herz/Ohr für fremdartige Klänge hat, wird mit einer Musik belohnt, die Grenzen überschreitet – geografisch, stilistisch und emotional. (Les Couleurs Du Son) HuGe
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