Eher gedimmt würde man wohl das neue Album der neuseeländischen Singer/Songwriterin Aldous Harding hören. „Train On The Island“ klingt dabei nicht wie ein offenes Fenster, eher wie eines das klemmt – und genau das ist seine Qualität. Aufgenommen hat sie es einmal mehr mit ihrem langjährigen Weggefährten John Parish (u.a. PJ Harvey, Dry Cleaning). Harding macht es einem auch dieses Mal nicht leicht. Ihre Stimme flötet süß, klingt traurig und melancholisch, stolpert, biegt ab, zieht Grimassen, wo andere Sängerinnen längst den sicheren, schönen Ton wählen würden. Das ist trotz des steten Flusses dieser Lieder kein Folk zum Wegträumen, das ist Folk mit Widerhaken. Man fühlt sich eher beobachtet, nicht umarmt. Die Arrangements bleiben dabei auffallend zurückhaltend. Gitarren, die eher andeuten als ausformulieren. Ein Klavier, das behutsam seine Töne setzt, Rhythmen, die wirken, als kämen sie eine halbe Sekunde zu spät – oder zu früh. Es ist Musik, die ständig in der Schwebe hängt. Man wartet auf den großen Ausbruch. Er kommt nicht. Stattdessen: ein schiefes Lächeln. Das kann man prätentiös finden. Oder mutig. Harding verweigert die gefällige Pointe, sie setzt auf Irritation. Songs wie flüchtige Skizzen, die mehr Raum lassen als sie füllen. Das ist unbequem – aber konsequent. „Train On The Island“ ist kein Album für nebenbei. Es fordert Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Geduld. Wer beides mitbringt, entdeckt eine Künstlerin, die lieber Rätsel stellt, als Antworten zu liefern. Und das ist in Zeiten allgegenwärtiger Eindeutigkeit fast schon radikal -und wunderschön. (Begars) HuSch
*****
******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal


