Wie die wichtigsten Attribute lauten, die „Die Sterne“ kennzeichnen? Zunächst „Hamburger Schule“ – also jene lose Bewegung von Bands aus der Hansestadt, die textlich an die Neue Deutsche Welle anknüpfte und sich musikalisch an allem, was sich als „independent“ und tanzbar begriff, orientierte. An zweiter Stelle aber rangiert schon: „Diskurs-Pop“. Vor 30 Jahren – da waren die Sterne in der Mälze und im Villapark Dauergäste in Regensburg – war das der letzte Schrei. Weil damit klar war: Man geriert sich zwar politisch in der Tradition von „Ton Steine Scherben“. Aber nicht im simplen Sinne von „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. Sondern: Reflektiert und augenzwinkernd. Und dabei immer so bedeutungsoffen, dass auch die mitkonnten, denen purer Agitpop zu platt war. Frank Spilker, Sänger und Texter der Sterne, entlarvte auf ironische Weise falsches Denken, indem er ins Mikro deklamierte: „Ich lass den Handwerker kommen, der mir den Kopf repariert, hallo Lexikon, erklär mir, wie das funktioniert!“ Das war eine Urschreitherapie, um große Begrifflichkeiten wie „Authentizität“ in Frage zu stellen. Oder – im Jahrzehnt vor Wikipedia – ein Update des Kant’schen Diktums. Aufklärung heiße nichts anderes, als immer wieder aufs Neue den Ausbruch zu wagen, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Und die Grundfragen menschlicher Existenz immer wieder neu zu formulieren, vor dem Hintergrund des jeweiligen Zeitgeists.

Insofern also ist der Satz, mit dem sich Frank Spilker kurz nach acht an diesem Abend im Thon-Dittmer-Innenhof auf der Bühne vorstellt, nur zu verstehen, wenn man all die denkrichtungsändernden Vorzeichen berücksichtigt, innerhalb derer er sich diskursiv verortet: „So hell noch – gar nicht so richtig mein Biotop!“ nuschelt er ins Mikro. Um dann, er hat eine akustische Gitarre umgeschnallt, in „Unplugged-Manier“ gleich zu Beginn einen der Signature-Songs der Sterne – nämlich den „Universal Tellerwäscher“ – zum Einsatz zu bringen. Und mit „Von allen Gedanken schätz ich doch am meisten die Interessanten“ ein weiteres Goldstück hinterher zu werfen (der größte Hit „Was hat Dich bloß so ruiniert?“ bleibt freilich dem Zugaben-Set vorbehalten). Dass sich die Helligkeit dieses Mittsommerabends eigentlich gar nicht mit dem finsteren Underground-Anspruch verträgt, den Frank Spilker repräsentiert, macht die Sache erst richtig charmant. Teil der DNA des Zweimetermanns, der gerade 60 wurde, ist aber auch ein ausgeprägter Hang zum Anarchotum. Der Songtitel „Du musst gar nix!“ (der als Motto auf einigen T-Shirts der rund 300 Besucher zu lesen ist), bringt das auf den Punkt. Das Universum der „Sterne“, es funktioniert nach dem Willen und den Vorstellungen von Frank Spilker. Er hat die in den späten 1980er Jahren gegründeten Sterne immer wieder umbesetzt und baut jetzt auf die beiden Von Spar-Musiker Phillip Tielsch (Bass) und Jan Philipp Janzen (Drums) und die amerikanisch-kubanische Sängerin Dyan Valdes (Keyboards).

Im Zentrum des 70 Minuten-Kernprogramms steht das aktuelle Album „Wenn es Liebe ist“: Orientierten sich die Sterne in der Vergangenheit an Soul, Disco oder House, lassen sie dieses Mal auch krautrockige Töne in ihre Klangwelten einfließen. Stellvertretend dafür steht „Immer noch sprachlos“, ein grandioses, von Jaki-Liebezeit-artigen Beats getragenes Neunminuten-Stück, das in seinem schier endlosen synthetischen Aufkeimen nach „Neu!“ klingt. Ebenfalls auf dem Elektronikzug unterwegs ist das grandiose „Fan von irgendwas“: Bestandsaufnahme und Weltproblemanalyse in einem. An den Refrain „Langeweile ist ein Pulverfass / am Ende wirst Du Fan von irgendwas!“ werden thesenartig Begriffe gehängt wie „Motorradrennen“ und „Kampfsport“ oder auch „Popkultur“ und „Literatur“. Will sagen? Alles, nicht nur Dekadenz, sondern auch Diskurs und Reflexion, können ihren Beitrag zum Untergang leisten. Aber auch: Zu einem am Ende perfekten Popkonzert, das sich aus seinen Widersprüchen nährt. In dem das Helle und das Dunkle zu changieren beginnen. Und der Untergrund sich nach oben kehrt, hier auf der Bühne im Thon-Dittmer-Innenhof. (Peter Geiger)


