Wenn der Titel eines Albums dessen zentrale Themen beleuchten soll, dann deutet „The Ground Above“, Beth Ortons neuntes Album, zunächst darauf hin, als wäre sie lebendig begraben worden. Beim ersten Hören könnte man diesen Eindruck tatsächlich gewinnen. Ihre einst sanfte, verletzliche Stimme, die schon mit einem kleinen Bruch auf „She Cries Your Name“ große Emotionen transportierte, klingt heute deutlich gezeichneter. Bereits im Titelsong bebt und bricht sie auf eine Weise, die so unmittelbar und intim wirkt, dass man sich fast wie ein Eindringling fühlt. Ihre Laute wirken roh, ursprünglich und tief aus dem Innersten kommend. Doch tatsächlich klingt Orton hier vielleicht mehr denn je wie sie selbst. Ein genauer Blick auf die Texte zeigt, dass sie sich ihren inneren Dämonen stellt, statt vor ihnen davonzulaufen. Wenn sie singt: „Ich bin so unbesiegbar wie die Trauer“, ist das keine Klage, sondern eine Aussage über ihre gewonnene Stärke und Reife. Sie beschreibt sich zugleich als „gewaltig wie eine freigesetzte Frühlingsklinge“ und „ekstatisch wie die Liebe einer Mutter“. Das Album erzählt also nicht vom Untergang, sondern von einem ehrlichen Neuanfang. Schon früher war Orton für ihre Offenheit bekannt – etwa auf „Central Reservation“, wo sie sehr körperlich und direkt über Liebe sang. „The Ground Above“ führt diese Ehrlichkeit fort. Freude und Schmerz existieren hier nebeneinander, denn beide gehören zum Leben. Besonders eindrucksvoll ist die Zeile: „Euphorisch wie ein Krieg – wenn ich weiß, wofür ich kämpfe.“ Orton zeigt sich verletzlich, aber niemals künstlich oder aufgesetzt. Musikalisch wird sie von herausragenden Musikerinnen und Musikern unterstützt, darunter Adrian Utley (Portishead), Tom Skinner (The Smile), Sam Beste, Dave Okumu, Nick Hakim, Leo Abrahams und ihr Ehemann Sam Amidon. Alle ordnen sich dem Gesamtklang unter, der oft an Radioheads „A Moon Shaped Pool“ erinnert: detailreich, atmosphärisch und eher leise als laut.
Stücke wie „Celestial Light“ schweben auf zarten Klangflächen und behandeln den Tod als etwas Friedliches – eines Tages werde sie „diese Last dem Himmel übergeben“. „I’ll Miss You“ beschäftigt sich mit dem Verlust einer Beziehung und beschreibt eine Welt, in der nichts mehr so ist wie früher. Demgegenüber strahlt „Love You Right“ große emotionale Kraft aus. Mit jugendlicher Intensität singt Orton über Dankbarkeit und den Wunsch, einen geliebten Menschen richtig zu lieben. „Cigarette Curls“ blickt nostalgisch auf eine Freundschaft zurück. Zwar erkennt sie an, dass die Zeit sie eingeholt hat, doch Reue schlägt nie in Selbstvorwürfe um. Gerade diese Fähigkeit, widersprüchliche Gefühle gleichzeitig zuzulassen, macht das Album so berührend. Ortons Stimme mag nicht mehr so makellos sein wie früher, doch sie wirkt glaubwürdig und voller Lebenserfahrung. Das Album handelt letztlich weniger vom Schmerz als von Erkenntnis. Aus der Angst, dass es keinen anderen Ort für sie gebe, wird am Ende die Einsicht, dass sie nirgendwo lieber wäre. Auch die Natur spielt eine wichtige Rolle. Landschaften, Jahreszeiten und Erde spiegeln die Gefühle der Lieder wider. Im abschließenden „Otherside“ gewinnt die Musik fast gospelhafte Größe. Nachdem sie ihre Liebsten fragt: „Habt ihr es geschafft?“, endet das Album mit einer Botschaft der Selbstbestätigung: „Die Welt sang zurück: Du lebst. Du bist noch hier.“ Müde mag sie sein – aber selten wirkte Beth Orton lebendiger. (Partisan) Uncut
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