Veteranenbands müssen einen Balanceakt vollführen: Sie müssen einerseits dem musikalischen Ansatz treu bleiben, der sie einst berühmt gemacht hat, und andererseits Neues ausprobieren. Für manche Fans ist jede dieser Entscheidungen – wenn sie konsequent verfolgt wird – bereits ein Grund, das neue Album abzulehnen. Doch was ist mit Bands, deren Besetzung sich im Laufe der Jahre radikal verändert hat? Sind sie weiterhin an ihre Vergangenheit gebunden? Und was ist mit Gruppen, bei denen kein einziges Gründungsmitglied mehr dabei ist? Sind sie dazu verdammt, nur noch eine Karikatur ihrer selbst zu sein? Denn das ist das grundlegende Dilemma von Yes. Die Band hatte nie länger als zwei Alben hintereinander dieselbe Besetzung. Nun ja – bis jetzt. Die aktuelle Formation aus Steve Howe, Geoff Downes, Jon Davison, Billy Sherwood und Jay Schellen besteht länger als jede frühere Besetzung. Aurora ist bereits ihr drittes gemeinsames Album, wobei der inzwischen verstorbene Alan White noch auf The Quest (2021) mitwirkte.
Diese unerwartete Phase der Stabilität hat der heutigen Version von Yes die Möglichkeit gegeben, sich mit dem gewichtigen musikalischen Erbe auseinanderzusetzen, das sie übernommen hat. Jedes neue Studioalbum – und besonders Aurora – stellt einen weiteren Schritt aus dem Schatten der Vergangenheit dar, hin zu einem musikalischen Ansatz, der nun vollständig ihr eigener ist. Dies ist keine Band mehr, die versucht, die Glanzzeiten der frühen 1970er Jahre wiederzubeleben, als Howe zur Gruppe stieß. Ebenso jagt Yes nicht mehr dem Pop-Erfolg der 1980er Jahre hinterher, als Howe nach Drama (1980) gemeinsam mit Downes zur Band Asia wechselte. Stattdessen hat diese Gruppe von Musikern – von denen drei deutliche Verbindungen zur Vergangenheit haben, darunter Sherwood mit seiner früheren Mitgliedschaft in den 1990ern – endlich ihre eigene Perspektive gefunden. Natürlich sind Anklänge an die Vergangenheit weiterhin vorhanden. So wurden die Texte des Titelsongs von Paramahansa Yoganandas Autobiography of a Yogi inspiriert, einem Werk, das bereits teilweise als Vorlage für Tales from Topographic Oceans (1973) diente. Es gibt auch ein mehrteiliges Herzstück namens „Countermovement“, allerdings ohne die ausufernde Länge der epischen Stücke auf Tales. „Outside the Box“ erinnert mit seinem frühen A-cappella-Gesang an „Leave It“ (1983). Der Bonustrack „Jambustin’“ verweist augenzwinkernd auf „Don’t Kill the Whale“ (1978). Sogar jüngere Werke werden zitiert: Die Eröffnung von Aurora erinnert an die kosmischen Klanglandschaften von „Cut From the Stars“ auf Mirror to the Sky (2023). Doch die langjährige Zusammenarbeit – oft bei kompletten Aufführungen klassischer Yes-Alben – hat diese Besetzung dazu befähigt, über bloße Verbeugungen vor dem eigenen Katalog hinauszugehen.
Aurora, das 24. Studioalbum, setzt die Geschichte von Yes fort, ohne lediglich ein Echo der Vergangenheit zu sein. Die Band nutzt ihr Erbe als Fundament für ihre Weiterentwicklung. Sänger Jon Davison hat deutlich an Eigenständigkeit gewonnen und verlässt sogar zeitweise seinen stark an Jon Anderson erinnernden Gesangsstil, etwa indem er auf „All Hands on Deck“ tiefere Tonlagen erkundet. Zudem ist er ebenso häufig als Songwriter genannt wie Howe, der erneut als Produzent fungiert. Auch Geoff Downes’ Keyboards treten stärker in den Vordergrund, einschließlich kraftvoller Orgelpassagen im Stil von Deep Purple. Jay Schellen erhält erstmals Komponisten-Credits, darunter für einen Abschnitt von „Countermovement“, der die Zeile „in the blink of an AI“ enthält. Billy Sherwood steuert wichtige Songwriting-Ideen bei und sorgt auf dem mythologisch inspirierten „Ariadne“ für interessante Gesangsbeiträge, ohne jedoch den Bass so dominant zu spielen wie sein Mentor Chris Squire. Das passt ebenfalls zu dieser neuen Version von Yes. Darüber hinaus vermittelt Aurora ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl als die Vorgänger The Quest und Mirror to the Sky. Offenbar verbrachten die Musiker mehr Zeit gemeinsam im Studio, statt lediglich Dateien auszutauschen. Das von Langzeit-Künstler Roger Dean gestaltete Albumcover mit Brückenmotiv könnte passender kaum sein. Angeführt wird all dies vom ältesten und dienstältesten Mitglied der Band: Steve Howe. Er fungiert erneut als kreativer Mittelpunkt und verbindet die verschiedenen Elemente des Albums miteinander. Besonders hervorzuheben ist sein Beitrag zu den längeren Progressive-Rock-Passagen sowie möglicherweise seine beste Gesangsleistung überhaupt – im Abschnitt „Anytime Soon“ von „Countermovement“, der offenbar von Bob Dylan inspiriert wurde. Zudem erweitert Howe sein übliches Arsenal aus Akustik-, Steel- und E-Gitarren um eine Variax-Sitar-Gitarre und eine portugiesische Zwölfsaitige. Selbst im Spätwinter einer langen Karriere scheint Howe eine neue Form musikalischer Freude entdeckt zu haben. Jon Davison sagte in einem Interview mit Now Spinning: „Steve arbeitet immer unter einem einzigen Grundsatz: Yes folgt keinen Regeln.“ Auf Aurora gilt das sogar für die eigenen Regeln der Band. Fazit: Aurora erweitert das Vermächtnis von Yes, indem es die Vergangenheit respektiert, ohne von ihr abhängig zu sein. (Inside Out) UCL
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