Es ist ja schon fast komisch, wäre es nicht so traurig, dass ausgerechnet der Schlagzeuger eine Band wegen Kinderpornographie verhaftet und verurteilt wird, die sich The New Pornographers nennen. Leider ist aber genau das vor ein paar Jahren passiert. Die Band hat sich natürlich von Joe Seiders getrennt, Neko Case, John Collins, Carl Newman, Todd Fancey und Kathryn Calder haben ihren Namen behalten und machten erstmals mit Session-Schlagzeuger Charley Drayton weiter. Auf „The Former Site Of“ sind zehn Kurzgeschichten über Menschen in persönlichen und gesellschaftlichen Extremsituationen als sorgfältig komponierte Popsongs versammelt. Das ist mitunter berührend, gelegentlich jedoch auch zu geschniegelt; man vermisst hier und da das riskante Moment, den kalkulierten Überschwang, der frühere Hymnen ins Prekäre kippte. es klingt, als habe man die eigene Diskografie durch einen Weichzeichner gejagt – nicht um Konturen zu verlieren, sondern um die Kanten milder leuchten zu lassen. Wo frühere Platten in barocker Power-Pop-Üppigkeit explodierten, regiert hier eine abgeklärte, fast höfliche Melancholie. Die Gitarren schimmern noch immer wie frisch poliertes Chrom, doch sie drängen sich nicht mehr auf. Stattdessen entfaltet sich ein kontrolliertes Glühen, ein erwachsen gewordenes Pathos. Die Melodien und die Duett-Gesänge von Case und Newman – nach wie vor das unverwechselbare Kapital dieser kanadischen Institution – wirken weniger wie Ohrwürmer im klassischen Sinn, sondern eher wie Erinnerungen an solche: vertraut, aber mit einem Hauch Wehmut unterlegt. „The Former Site Of“ ist kein Fanal, sondern ein Nachhall – ein Album, das nicht mehr beweisen muss, wie hell es leuchten kann, sondern zeigt, wie schön es im Dämmerlicht klingt. (cargo) HuSch
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https://youtu.be/vf_qcJFtpqY?si=CeL9ePRtRwCLyZzn


