Der Nino aus Wien hat ein neues Album gemacht. Das allein wäre zunächst keine große Nachricht – schließlich veröffentlicht der Wiener Liedermacher seit Jahren mit bemerkenswerter Konsequenz Musik. Doch „Neubau Alone“, erschienen Mitte August, ist mehr als ein weiteres Kapitel in einer langen Diskografie. Es ist ein Album, das den Nino auf seine elementarste Form zurückwirft: Stimme, Gitarre, Beobachtungsgabe und dieser eigentümliche Wiener Blick auf die Welt. Die Platte wird als sein dreizehntes Studioalbum und als eines seiner persönlichsten beschrieben; tatsächlich wirkt sie wie eine bewusste Reduktion auf das Wesentliche. Schon der Titel ist Programm. „Neubau Alone“ klingt gleichzeitig nach Bezirk, Lebensgefühl und einer kleinen Selbstdiagnose. „Neubau“ steht für Wien, für urbanes Leben, Kaffeehäuser, Wohnungen, Straßen und Menschen, die sich zwischen Bohème und Alltag eingerichtet haben. „Alone“ fügt dem Ganzen eine Einsamkeit hinzu, die beim Nino allerdings nie vollkommen tragisch wird. Seine Figuren sind oft allein, aber sie bleiben beobachtend, neugierig und manchmal sogar ziemlich komisch. Das ist eine der großen Stärken dieser Musik: Melancholie und Schmäh liegen stets nur einen halben Satz voneinander entfernt.
Musikalisch setzt das Album offenbar genau dort an, wo Der Nino aus Wien besonders überzeugend ist: beim Song selbst. Die Instrumentierung bleibt knapp, die Stimme steht im Mittelpunkt, und die Produktion verweigert sich weitgehend dem großen Pop-Gestus. Die „Presse“ bezeichnet „Neubau Alone“ treffend als „Lo-fi-Soloalbum erster Güte“ und hebt hervor, dass Nino hier sogar zur E-Gitarre greift. Das Entscheidende ist aber nicht die Frage, ob ein Song perfekt produziert ist. Entscheidend ist, ob er eine Atmosphäre erzeugt. Und genau darin liegt die Qualität dieser Platte. Nino braucht keine großen Arrangements, um seine kleinen Geschichten interessant zu machen. Er kann über Alltägliches singen – sogar über Karfiol – und daraus trotzdem eine Art poetische Miniatur bauen. Diese Fähigkeit ist vielleicht sein größtes Talent: Er findet das Absurde im Nebensächlichen und das Romantische im Banalen. Wo andere Liedermacher ihre Bedeutungsschwere demonstrativ vor sich hertragen, lässt Nino seine Gedanken eher beiläufig fallen. Manchmal wirkt das wie ein Zufall. Natürlich ist es keiner. Gerade deshalb funktioniert „Neubau Alone“ auch als Gegenentwurf zu einem Musikbetrieb, der ständig größer, lauter und perfekter werden möchte. Hier darf ein Lied Ecken haben. Die Stimme darf nach Wohnzimmer statt Aufnahmestudio klingen, eine Gitarre darf nicht wie ein Hochglanzprodukt behandelt werden. Diese Rohheit ist kein Mangel, sondern Teil der Ästhetik. Sie passt zum Nino aus Wien, dessen Musik seit jeher zwischen Wienerlied, Indie-Pop, Singer-Songwriter und seinem eigenen „Hirschstettner Soul“ angesiedelt ist.
Allerdings ist diese Konsequenz auch die Schwachstelle des Albums. Wer von Nino musikalische Überraschungen, große Dynamik oder aufwendige Arrangements erwartet, könnte „Neubau Alone“ mitunter als zu gleichförmig empfinden. Die Reduktion auf das Wesentliche ist eine Stärke – aber Reduktion kann irgendwann auch zur Routine werden. Nino hat seinen Ton längst gefunden. Die interessante Frage ist deshalb nicht mehr, ob er nach Nino klingt, sondern ob er innerhalb seines eigenen Klangkosmos noch genügend neue Räume entdeckt. Auf „Neubau Alone“ gelingt ihm das vor allem dort, wo das Persönliche ins Allgemeine kippt. Wenn aus einer scheinbar kleinen Beobachtung plötzlich ein Lied über Einsamkeit, Liebe, Wien oder das Älterwerden wird, entfaltet das Album seine eigentliche Wirkung. Dann versteht man auch, warum die Musik des Nino aus Wien so eng mit ihrer Umgebung verbunden ist. Wien ist bei ihm keine Kulisse, sondern eine Sprache. Selbst wenn er über etwas ganz anderes singt, schwingt diese Stadt mit.
„Neubau Alone“ ist deshalb kein Album, das sich anbiedert. Es will nicht beweisen, dass Der Nino aus Wien noch zeitgemäß ist. Im Gegenteil: Es wirkt beinahe trotzig zeitlos. Während Popmusik immer stärker auf maximale Aufmerksamkeit ausgerichtet ist, setzt Nino auf den kleinen Song, den schiefen Gedanken, die beiläufige Pointe und die Melodie, die sich erst nach mehreren Durchläufen festsetzt. Das Ergebnis ist vielleicht nicht seine spektakulärste Platte – aber eine sehr charakteristische. „Neubau Alone“ zeigt einen Künstler, der inzwischen so tief in seiner eigenen musikalischen Welt angekommen ist, dass er sich leisten kann, auf fast alles Überflüssige zu verzichten. Übrig bleiben Lieder, die nicht schreien müssen, um gehört zu werden. (Medienmanufaktur Wien) P.Ro
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