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Sacco & Mancetti

Kritik zum Konzert am 1. August beim Brauereifest in Eichhofen

Zwei Stunden mit süßen Früchten zum Mitschaukeln

Der beste erste Satz, der Sacco & Mancetti charakterisiert? Na, vielleicht ist es der: Sie sind ganz gewiss die Band, die es am meisten verdient gehabt hätte, Celebrity-Status zu erlangen. Und zwar einen solchen, der sie weit über die Grenzen von Regensburg hätte hinausstrahlen lassen. Mit ihrer Single „Rainbow’s End“ (bis heute fixer Zugaben-Bestandteil) wäre ihnen genau das auch beinahe gelungen. Verantwortlich dafür, dass es faktisch beim Konjunktiv blieb, ist der Auftritt von Tracy Chapman bei der Geburtstagsfeier für den damals noch inhaftierten Nelson Mandela – der bewirkt, dass die gemeinsame Plattenfirma Chrysalis ihre Kräfte allein auf die britische Singersongwriterin konzentriert. Und so die Sacco-Singles im Keller der Plattenfirma verstauben. Um diese Geschichte aber, die ich auch nur vom Hörensagen kenne, sauber erzählen zu können, hake ich nochmal nach, bei Jockl Peithner – und er antwortet mir folgendermaßen schriftlich:

„Hört sich fast ein bisschen zu tragisch an. Die Wahrheit ist banal. Wir hatten es mit ‚Rainbow’s end‘ sogar als Backgroundmusik in die Tagesschau geschafft. Alleine von dem Geld konnte ich mir mein erstes Tonstudio finanzieren. Der Stau der Auslieferung der Singles entstand durch den Verkauf von Chrysalis an EMI. Der alte Vertrieb hatte keine Lust mehr auf Auslieferung, der neue Vertrieb über EMI hatte zunächst keine Ahnung, in welchen Containern im Hamburger Hafen die Singles lagen. Und so hat sich das Zeitfenster vom Airplay in die Verkaufscharts geschlossen. Da konnten die Veröffentlichungen von Tracy Chapman und vor allem von Sinéad O’Connor gar nicht mal so viel dafür. Aber klar, Chris Wright und Terry Ellis, die Chefs und Namensgeber von Chrysalis, hatten natürlich in dieser Übergangsphase schon ihr Hauptaugenmerk auf die Musik aus England. Bei dem weiteren Verkauf von EMI an die BMG bekam ich später einen Künstlerexklusiv-Vertrag angeboten – allerdings ohne Band. Das habe ich nicht gemacht und nie bereut. Nur so konnten wir 40 Jahre unsere Musik machen und nur so sind wir am Samstag nach Eichhofen gekommen. Also letztlich ein Glücksfall!“

So, ich streiche nach dieser Richtigstellung also ein paar bereits geschriebener Zeilen – und fahre fort in meiner Rezension: So sollte es also beim Geheimtipp-Status bleiben, für die Saccos. Und das Narrativ – wie man das heutzutage bezeichnen würde –, dass es da eine Band aus Bayern gab, deren Schuhgröße reichte, um in die Fußstapfen der, sagen wir, Dire Straits oder eines J. J. Cale zu treten, es blieb am Ende, was den zählbaren Erfolg anbelangt, ein uneingelöstes Versprechen.

Aber: Dürfen sich die heutigen Fans von Sacco & Mancetti im Gegenzug nicht gerade darüber freuen? Denn: Wie wären sie umgegangen, damit, mit einem etwaigen Superstar-Status? Mit den Konjunkturen des Erfolgs, dem Auf und Ab? Hätte das damals fünfköpfige Kollektiv das alles langfristig verdaut? So aber konnte die Shooting Star-Gefahr – die Sternschnuppe leuchtet hell, um sodann zu verglühen – gebannt werden. Heute bildet Jockl Peithner mit seinen beiden Gitarristen, dem altgedienten Rudi Beer und in jüngster Zeit auch Edgar Feichtner, ein Triumvirat, das verschmolzen ist, zu einer Art von Supergroup. Deren Ehrgeiz auch in den mittleren 20er Jahren des 21. Jahrhunderts gerade deshalb nicht erlahmt ist, weil sie selbst ganz und gar von ihrer Qualität überzeugt sind.

Sie schreiben Songs, die – und das ist weder gönnerhaft gemeint noch hervorgekramt, aus irgendeinem Leierkasten abgegriffener Binsenweisheiten – die ganz präzise jenem Format entsprechen, das man gemeinhin als klassisches amerikanisches Singer-Songwriting bezeichnet. Was unterscheidet Sacco & Mancetti von, sagen wir: Wilco oder Tom Petty (schon klar, der Vergleich hinkt seit rund neun Jahren ein bisschen)? Was ihre Qualität anbelangt – tatsächlich nicht viel. Und, was mir an diesem Abend auffällt: Textlich gibt es erstaunlich viele Anrufungen von „Boys“ und „Girls“ und „Sugar Bees“. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, ebenso wie die Tatsache, dass das Songwriting eher vom Blick in den Rückspiegel geprägt war. Statt von einer Vision nach vorne, durch die Windschutzscheibe. Am Ende aber sind das allesamt schon „Sweetest Fruits“ (keineswegs nur solche aus Nachbars Garten), wie es im Falsettgesang bei „Pick me up, Daddy!“ heißt.

Sacco & Mancetti lebten stets von dem, was sie selbst liebten. Herbert Schwarzfischer (der langjährige Bassist mischt sich am Samstagabend ebenfalls unters Publikum) war Fan der großen Trios wie ZZ Top, Blue Cheer oder der James Gang. Jockl Peithner bediente sich bei Bo Diddley ebenso wie Eddie Cochran – und manchmal meinte man auch Mink de Ville und Prince, Lou Reed oder den schon genannten Tom Petty herauszuhören. „Sleepless Nights“ etwa, ein Song aus den Anfangsjahren, das klang wie eine unmittelbare Reaktion auf „Purple Rain“. Und war dabei doch ein Hymnus, der die Monumentalität von Prince ganz und gar nicht in Frage stellte. Sondern auf höchst eigenständige Art fortschrieb und dabei auch, was solistische Höhenflüge anbelangt, keine Wünsche offenließ. Oder wenn man „Babylon Road“ etwa herausgreift: Der Titel vom 1995er-Album „King“ könnte, was das vordergründig simpel anmutende Boogie-Riff anbelangt, auch von AC/DC oder noch eher von ZZ Top stammen. Am Ende aber handelt sich’s dann doch um keine 1:1-Kopie, sondern um etwas, das auch jenen hypnotischen Geist atmet, der besagt: Wir wollen das Rad des Rock’n’Roll gar nicht neu erfinden. Aber wir reihen uns nahtlos ein, in den Circle der großen Songhistory. Und der soll ungebrochen bleiben!

Nach dieser – zugegeben etwas längeren Präambel– die Landung in der Gegenwart: Bis heute zeichnen sich die Sacco-Werkstücke – insgesamt dürften rund 200 Songs zusammengekommen sein – durch eine Qualität aus, die direkt und ganz unmittelbar auf die Herzen des Publikums zielt. Auch die neueren Titel auf der Setlist – nachzuhören auf den beiden jüngsten Alben „Fat Fred’s Favourites“ (Vol. 1 und 2) – erschließen sich sogleich, gehen ins Ohr. Wer also an diesem Samstagabend in Eichhofen zu Gast war, beim dortigen Brauereifest, konnte sich selbst von einer fast magischen Stimmung überzeugen, die ein Live-Auftritt von Sacco & Mancetti auslöst. Das Publikum, das auf Bierbänken sitzt und ganz gewiss oft zum Teil aus anderen Motiven als dem Musikgenuss zu Gast ist, ist von Anfang an gebannt. Niemand quatscht, die Köpfe sind durchwegs nach vorne gerichtet. Je weiter der Abend voranschreitet und die Dunkelheit hereinbricht, umso mehr verdichtet sich die Atmosphäre. Waren Jockl Peithners Ansagen lange Jahre scharf bis zynisch, schlägt er mittlerweile deutlich mildere Töne an. Lobt die Veranstalter, lobt das Publikum, lobt seine beiden Backgroundsängerinnen und die restlichen Mitmusiker. Gibt ihnen Platz, sich zu entfalten wie etwa dem Drummer Reinhold Keck, der Gelegenheit bekommt, für ein sehr schönes Solo. Und freut sich erkennbar, dass ihm mit dem sitzenden Bassisten Helmut Süttner ein präziser Handwerker zur Seite steht. Rudi Beer ist ein ebenso stiller wie uneitler Zeitgenosse – aber ungeheuer wertvoll als Gitarrist und Backgroundsänger. Und von ihm stammt auch der Text der grandiosen, an den Buddy Holly-Titel „Not fade away“ erinnernden Hommage „Gotta roll“. Edgar Feichtner wiederum intensiviert mit der Slide-Guitar das Americana-Feeling, versteht sich aber auch auf die Posaune.

Dass auf der Playlist auch Coverversionen stehen, hat gleichfalls gute Tradition bei Sacco & Mancetti. Die wiederum sind handverlesen, mit „Crimson and Clover“ verneigt man sich vor den Sixties, mit „Passenger“ und „Stayin‘ Alive“ vor den Seventies. Sodass sich am Ende alle Altersgruppen inklusive der gebannt zuschauenden Kinder geschaukelt fühlen dürfen. Verschaukelt dagegen wird hier garantiert niemand! Sodass auch dieser Text mit dem denkbar besten aller Sätze enden kann! (Peter Geiger)