Vielleicht lohnt es sich, dieses Konzert von Dreiviertelblut vom Ende her zu betrachten. Weil aus dieser Perspektive der finalen Rückschau die Qualität dessen, was da den rund 2.000 Besuchern geboten wurde, erst recht deutlich wird. Es ist kurz vor zehn. Die sechsköpfige Band hat in zweieinhalb Stunden Bruttospielzeit alles gegeben. Was sich da zwischen Bühne und bestuhlter Freilichtarena in der Schwüle dieses Juliabends entwickelt hat, verdient die Bezeichnung einer schockverliebten Sommernachtsaffäre. Sebastian Horn, Sänger und Zentralfigur der Band, hat zuvor die hier Versammelten in besonderer Weise umgarnt: „Jetzt woaßes gwiß, dass des Paradies in Rengschbuag is!“ Und sein Kompagnon Gerd Baumann hat mit seiner völlig verrückten Impro über die Prinzessin Prüfine ein Sommermärchen erzählt, das Stürme kichernder Heiterkeit hervorruft. Allesamt sind den Avancen von Dreiviertelblut erlegen, der komplette Prüfeninger Schlossgarten steht. Jetzt soll’s also noch – als wär’s ein Ringlein oder ein Kettchen, um das Liebesversprechen zu untermauern – eine Zugabe geben. Klar ist, dass das Konzertende erst dann erreicht sein wird, wenn die behördlich genehmigte letzte Stunde bereits geschlagen hat. Weshalb der Vorschlag lautet: Wir spielen. Aber Ihr applaudiert nicht. Sondern winkt lediglich lautlos, mit geöffnetem Mund. Und was soll man sagen? Auch diese Dressurnummer klappt wie am Schnürchen. Sodass am Ende die aufgeheizte Menge herunterkühlen kann und um kurz nach zehn, pünktlich zum Heimgehen, allesamt ihren Seelenfrieden wiedergefunden haben.

Denn das ist vielleicht die zweite Sensation. Die Gesamtinszenierung von Dreiviertelblut, sie ist weder leicht noch heiter und damit das genaue Gegenteil dessen, wie sich die Atmosphäre am Ende anfühlt. Nein, dieses 18 Songs umfassende Programm, es hat musikalisch wie textlich sehr viel von düsteren Prophezeiungen, etwa eines Mühlhiasl. Die Texte, sie schmiegen sich an die Musik, die unablässig den Takt wechselt und sich aus Traditionen der Polka und des Walzers nährt, und dabei passt, wie eine knochige Faust aufs tränentriefende Auge. Ja, indem Dreiviertelblut das Dunkle und den Tod thematisieren, feiern sie rundummadum das Leben. Ja, so heißt auch einer ihrer Songs: „Rundummadum spinnt mi a Spinnweb ei!“ Es ist das Dunkle und das Jenseitige, das die Band Dreiviertelblut – diese Mischung aus Walzertakt und Lebenssaft, aus Herzrhythmus und Aderlass – durchtränkt und mit Vitalität durchströmt. Sebastian Horn, der anfangs in einen grotesk anmutenden Jogginganzug mit Katzenmotiv gekleidet ist, brummbasst sonor. Gerd Baumann agiert meisterhaft an der akustischen Gitarre wie am Banjo: lässt er das erklingen, so werden gleich Assoziationen an Burt Bacharachs „Raindrops keep falling …“ wach. Und die Bläsersektion, die aus Florian Riedl an der Bassklarinette und dem BR-bekannten Trompeter Dominik Glöbl besteht? Sie ist schlicht Weltklasse. Weil die beiden hin- und herswitchen und im fliegenden Wechsel erst Klezmer und dann schon wieder Jazz und Soul herbeizitieren. Nicht minder eindrucksvoll: Luke Cyrus Goetze an den E-Gitarren, die er mal wie Dick Dale im Surfstil und dann wieder wie Hendrix zu spielen weiß. Und wie brillant die Rhythmuscrew agiert, wird klar, wenn sich Drummer Flurin Mück auf Rimshots (also auf jene percussiven Klänge, die entstehen, wenn er die Ränder seiner Trommeln bespielt) konzentriert und Benny Schäfer seinen bundlosen Kontrabass so spielt, dass man meint, diese spezielle Art von Drum’n’Bass, sie wäre elektronischer Natur. Man müsste mit dem Oeuvre von Dreiviertelblut besser vertraut sein, um sogleich auch die besten Zeilen aus den Texten zu zitieren: Aber ein Satz, der blieb an diesem Abend aufgrund seiner extraordinären Extravaganz dann doch hängen. Und zwar das Bonmot „Zum Frühstück gibt‘s Raum und Zeit“ aus dem Song „Frei“ vom aktuellen Album „Prost Ewigkeit“. Allein diese herausgetrennte Sequenz zeigt: Es ist gut, wenn ein gstudierter Biologe wie der gebürtige Tölzer Sebastian Horn Songtexte schreibt. Weil sein Wissen um die Kreatur in der Lage ist, poetische Atmosphären zu schaffen, die faszinieren und gleichzeitig mit unseren Ängsten spielen. Denn er, womit wir am Anfang gelandet wären, verkörpert gemeinsam mit Gerd Baumann die beiden Herzkammern von Dreiviertelblut. (Peter Geiger)


