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Rocko Schamoni – vom Glück des eigenen Semi-Erfolgs

Lesung am 6. Juni im Ostentor-Kino

Rocko Schamoni, der meisterhafte Entertainer aus dem Norden, stellte im Ostentorkino seinen neuen, im Kleid eines Romans daherkommenden Memoirenband „Pudels Kern“ vor – und hatte mit Rainbirds-Bassist Michael Beckmann noch einen Überraschungsgast dabei

Die wohl legendärste aller Beschwörungsformeln für junge Leute lautet so: In den späten Neunzehnsechzigerjahren unterbreiteten die Rolling Stones diese in Frageform allen „armen“ Jungs (ob von Mick Jagger auch die Mädchen mitgedacht waren, sei mal dahingestellt). Was sie machen sollen, um ihrem Elend zu entfliehen? Mick Jaggers Antwort war ganz easy: Schließ Dich einfach einer Rock’n’Rollband an und singe! Schrei ihn raus, Deinen Schmerz, über ökonomische Unterprivilegiertheit oder was sonst verantwortlich ist, für die Schieflage deines Seelenheils! Der Rest, der wird sich dann von selbst ergeben. So jedenfalls lautet die Quintessenz von „Street fightin man“, jenem Glied in der Karriere der Stones, das 1968 erst jene Versteifung garantierte, dass aus einer eher x-beliebigen Hitband aus Großbritannien jenes Großunternehmen entstehen konnte, mit eigenem Logo und lebenslanger Chartgarantie.

Horcht man dagegen an diesem Donnerstagabend ein bisschen zu, bei Rocko Schamoni und der Lesung aus seinem neuen Roman „Pudels Kern“, dann wird sehr schnell klar: Oh, da kann einer aber ein recht melancholisches Lied davon singen, wie das ist, wenn man aus der Provinz nach Hamburg kommt und Sänger wird. Und die Sache mit der Karriere zwar schon irgendwie klappt – weil er ein ziemlich dufter Typ ist. Der auch sogleich diejenigen, die er bislang nur aus der Ferne bewundern durfte (solange er sich im Zustand des „Dorfpunks“ im heimischen Lütjenburg befand), nun als dicke Freunde gewinnt, die mit ihm um die Häuser ziehen und crazy Sachen machen, nachdem er nach Hamburg umgezogen war. Um das Handwerk der Scheibentöpferei zu erlernen. Ende der Achtziger, da haben sich nämlich die Ärzte gerade zum ersten Mal aufgelöst – und das, was man damals so böse „die Industrie“ nannte, sie sucht fieberhaft nach Nachfolgern. Und bietet Rocko Schamoni gemeinsam mit seiner Band einen Vertrag in Höhe von einer Dreiviertelmillion (damals freilich noch in Mark!).

Aber, Hand aufs Herz: Wollte das Publikum, im Hier und Jetzt des Jahres 2024, ernsthaft einem Erzähler lauschen, der seinen narrativ Strang ausschließlich strickt, aus goldenen und platin-farbenen Fäden des Erfolgs? Also einer Textur, die nur die Höhen, aber nicht die Tiefen kennt? Nein, Literatur, sie entsteht erst, wenn sie sich mit den Schattenseiten beschäftigt. Wenn sie uns gebrochene Herzen vorführt und ebensolche Helden zeigt. Wenn sie uns wie in einer Fuck-up-Night in Buchform das Scheitern vorführt. Und damit Identifikationsmuster bietet. Wie Rocko Schamoni das wiederum macht, ist – ja, schon – meisterhaft. Er erzählt aus einer Zeit, die längst von historischem Edelschimmel überwuchert ist. Und entführt uns – gar nicht so anders, als das neulich Uwe Timm mit „Alle meine Geister“ gelang, indem er die Neunzehnfünfziger- und Neunsechzigerjahre heraufbeschwor – in dieses feuchte, brodelnde, gärende, sich an der Schwelle des Übergangs von Kriegsruinen zu sanierten Luxusquartieren befindliche Hamburg. Trifft dort die Leute von Abwärts und den Einstürzenden Neubauten, schließt Freundschaft mit Schorsch Kamerun und Ted Gaier von den Goldenen Zitronne. Soziale Netzwerke gab’s damals auch schon, sie benannten aber nichts in digitalen Räumen (weil die erst im Status des Entstehens sich befanden), sondern sie trugen die Namen von Originalen, von Kneipen und Bands. Daran lagert sich die Biographie dieses 1966 in Lütjenburg geborenen Lehrersohns an, der nunmehr mit „Pudels Kern“ – was gleichermaßen anspielt auf Goethes „Faust“ wie auch auf jene von ihm und seinen Freunden aus der Taufe gehobenen Kneipe, die zunächst „Pudel Club“ und später „Golden Pudel Club“ hieß – die „Dorfpunk“ überschriebenen Memoiren fortsetzt. Und ist so erzählt, dass es nicht nur „süffig“ zu lesen ist, sondern dass man auch den Eindruck hat: Ja, so geht Entwicklungsroman heute, in diesen Zeiten, in denen die technische Entwicklung uns allen mit ihren Siebenmeilenstiefeln davoneilt. Und sich Individuen immer mehr damit zufrieden geben, via Ofenrohr auf die Gebirge dieser Welt zu blicken. Hier aber wird permanent miteinander Gaudi gemacht, es werden Projekte ausgeheckt, Drogen ausprobiert und hinter jedem Busch wartet ganz im Stil der Beat-Generation ein neues Abenteuer.

Rocko Schamoni ist ein brillanter Entertainer. Weshalb er weiß, dass das Vergnügen auf Seiten des Publikums immer dann wächst, wenn er das zu bieten hat, was schon zu Zeiten von Horaz „Variatio“ genannt wurde. Deshalb unterbricht er immer wieder seine Lesekapitel und holt dann Michael Beckmann auf die Bühne. Der Mittsechziger war als Bassist Teil der legendären „Rainbirds“ (und erzählt uns dazu auch im Interview eine spezielle Regensburg-Anekdote!) – und der begleitet ihn an der Gitarre, während Rocko singt, sich selbst an einem etwas mysteriösen Blasebalg-Keyboard begleitet und auch die digitale Voodoo-Box bedient. Sodass am Ende alle hier restlos glücklich sind, dass Rocko Schamoni nie zum untouchable Superstar aufgestiegen ist, einem Mick Jagger aus dem Norden etwa. Denn dann wäre sein Roman auch purer Kitsch. Und hätte diese Lesung nicht hier, auf Tuchfühlung im ausverkauften Kino, stattgefunden. Sondern in der Donauarena, in München, in der Olympiahalle oder im Central Park in New York City. Aber das hätten wir arme Jungs und Mädchen uns eh nicht leisten können. (Peter Geiger)

Im Roman nennt Rocko Schamoni literarische Vorbilder wie Bukowski und Lem, Kazantzakis oder Kerouac – im Gespräch bekennt er sich zusätzlich dazu, Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ verehrt zu haben. Weshalb sein ganzes „literarisches System“ einzig und allein auf den im oberpfälzischen Amberg lebenden Romancier zurückginge.