Vibravoid waren nie eine Band, die sich mit dem Blick in den Rückspiegel zufriedengegeben hat. Natürlich stehen Düsseldorf, Krautrock, Psychedelia, Garage Rock und die kosmischen Klangexperimente der späten sechziger Jahre tief in ihrer musikalischen DNA. Doch gerade darin liegt die Kunst dieser Band: Die Vergangenheit wird nicht museal konserviert, sondern als Rohstoff für die Gegenwart benutzt. Mit A Reason for Now, dem neuen Longplayer, der ihm Herst veröffentlicht wird, scheint Vibravoid diesen Ansatz noch einmal konsequenter zu verfolgen. Das Album knüpft an das 2025 veröffentlichte Remove the Ties an – ein Album, das bereits von mehreren Seiten für seine Mischung aus Psychedelic Rock, Elektronik und Krautrock-Einflüssen gelobt wurde. Die Band zeigt hier, wie tief die DNA der Jahre 1966–1968 in ihrem Sound verwurzelt ist. Die Musiker kopieren nichts – noch nicht einmal sich selbst. Vibravoid distanzieren sich von den inflationären Begriffen, die sie einst selbst popularisiert haben und erklären die Popmusik zur neuen Droge – Musik als Rausch, als Experiment, als Gegenentwurf zum Gewohnten.
Die vorab veröffentlichte Single „All the Scars Inside“ deutet entsprechend auf eine Platte hin, die weniger auf klassische Songdramaturgie als auf Atmosphäre und Sog setzt. Verzerrte Gitarren, psychedelische Klangflächen und elektronische Elemente treffen auf jene hypnotische Grundspannung, die Vibravoid seit Jahrzehnten zu einer besonderen Erscheinung im deutschen Psychedelic-Rock macht. Das Faszinierende daran: Die Musik wirkt gleichzeitig vertraut und fremd – als käme sie aus einem längst vergangenen Zeitalter und würde dennoch exakt in unsere Gegenwart passen. So schafft der Opener „Till the End of Time“ eine weitläufige, melodische, psychedelische Stimmung, während. „Cinnamon Star“ verträumte Gesangsharmonien mit klassischen Pop-Arrangements der 60er Jahre verbindet. „In the Sky Tonight“ setzt stark auf schimmernde Effekte und spacige, atmosphärische Klangtexturen und „Yellow Horizon“ beschwört einen warmen, analogen, hypnotischen Groove herauf. „Fuel the Flame“ treibt das Tempo mit schärferen Riffs und gesteigerter Intensität voran und „Voice in a Cage“ erkundet einen eher introspektiven, dicht gewebten psychedelischen Raum. Bei „Second Hand Toy“ wird eine skurrile und zugleich bissige Retro-Rock-Instrumentierung präsentiert und zum als letzter Track beschließt „Straßenbahn“ das Album mit einer einzigartigen rhythmischen und klanglichen Reise. Gerade hier liegt eine der größten Stärken der Band. Vibravoid versuchen nicht, zeitgemäß zu klingen. Und genau dadurch wirken sie zeitgemäß. Wo viele Retro-Bands lediglich die Oberfläche einer Epoche reproduzieren, geht es bei Vibravoid stärker um deren Geist. Der Sound darf rau, übersteuert, psychedelisch und gelegentlich überbordend sein. Er soll nicht unbedingt gefallen – er soll Wirkung entfalten.
Das war bereits eine Qualität von Remove the Ties. Dort zeigte sich die Band erstaunlich songorientiert, ohne ihre Lust an ausufernden Klangexperimenten aufzugeben. Ein aktuelles Review beschrieb das Album als eine Mischung aus Krautrock, Psychedelia und einem Hauch Jesus and Mary Chain – zugleich wurde gerade die Fähigkeit hervorgehoben, aus eigentlich vertrauten Stilmitteln etwas überraschend Frisches zu machen. A Reason for Now könnte nun der nächste Schritt dieser Entwicklung sein: weniger eine Rückkehr zu den Sechzigern als eine Art Zeitreise in deren Zukunftsvision. Damals klang elektronische Musik nach Morgen. Heute ist sie längst Alltag. Vibravoid drehen den Spieß um und versuchen, aus diesem alten Zukunftsversprechen wieder etwas Unberechenbares herauszuholen.
Das macht das Album ausgesprochen spannend. Gleichzeitig bleibt eine gewisse Skepsis angebracht. Denn Vibravoid bewegen sich seit langer Zeit in einem sehr klar definierten ästhetischen Kosmos. Verzerrung, Hall, Elektronik, psychedelische Effekte und historische Referenzen können faszinieren, sie können sich aber auch irgendwann zu einem vertrauten Muster verdichten. Die entscheidende Frage wird deshalb sein, ob A Reason for Now tatsächlich neue Türen öffnet oder lediglich einen bereits bestens bekannten Raum neu ausleuchtet. Der erste Eindruck spricht eher für Ersteres. Das ist kein Album, das man nebenbei konsumiert. Es will Aufmerksamkeit, Lautstärke und im Idealfall eine gewisse Bereitschaft zum Kontrollverlust. Vibravoid verstehen Psychedelic Rock nicht als Genre-Schublade, sondern als Bewusstseinszustand. Ihre Musik soll nicht einfach irgendwohin führen – sie soll den Hörer aus dem Alltag herauskatapultieren. Und zum Schluss gibt’s noch ein Schmankerl – neben den Ausgaben in Vinyl und als CD kommt noch eine Enhanced-CD, die als Bonus „Im Zeichen des Zwilling“ enthält, das Großprojekt von Bandkopf Christian „Dr. Koch“, das den Zuschauer in eine mysteriöse Traumwelt entführt, somit jetzt auch für den heimischen Bildschirm erlebbar. (Tonzonen Records) P.Ro
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