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Deep Purple

Kritik zum Konzert am 19. Juli in der Tollwood Musikarena, München

Gealtert, aber mit Würde und sie stehen voll im Saft!

Groß flackert der Schriftzug Deep Purple in feuriger Schrift auf dem Hintergrundscreen, als Ian Paice, Roger Glover, Ian Gillan, Don Airey und Simon McBride die Bühne in der ausverkauften Tollwood-Musikarena betreten. Paice shuffelt den Twist als Intro zu „Highway star“ (so will es seit vielen Jahren die Tradition) und spätestens als McBride die ersten Gitarrenriffs abfeuert explodiert die Stimmung (und sie wird auch nicht mehr fallen). Der Sound ist erfreulich gut und klar und so kann man diese Band in vollen Zügen genießen.

Der neue Gitarrero McBride (seit 2022 dabei) erweist sich als Volltreffer. Er brilliert ein ums andere Mal bei seinen Soli und nimmt sich zurück, wenn es angesagt ist. Er hat Deep Purple zweifelsfrei nochmal so richtig in den Hintern getreten und jede Menge zusätzlichen Spaß innerhalb der Band freigesetzt. Grandios sind seine auf dem neuen Album „Splat!“ immer wieder zelebrierten, ultraschnellen Melodien, die er teilweise unisono mit Don Airey spielt. Bei all der berechtigen Lobhudelei, muss man aber ganz klar festhalten: Sein Vorgänger Steve Morse war ebenfalls grandios, hat über Jahrzehnte großartig mit und für die Band gespielt und mit seinen Einflüssen auch weitergebracht! Sein Stil war halt ein anderer und McBride hat den harten Rock wieder in den Vordergrund gekitzelt. Don Airey am Keyboard weiß genau, wann seine Hammond den Sound aufwertet und genießt sichtlich jeden Ton. Bei einem seiner Soli lässt er sich ein Glas Rotwein kredenzen, bei einem anderen spielt er „In München steht ein Hofbräuhaus“ und bringt 6000 Rockfans dazu, aus dem Stand mit zu singen. Roger Glover liefert zusammen mit Ian Paice ganz lässig ein unzerstörbares Rockfundament. Beide agieren unverrückbar solide und liefern das ein oder andere Kabinettstückchen. In aller Abgeklärtheit erzeugen sie einen monstermäßigen Groove. Und auch bei den schnellsten Songteilen strahlen sie eine unglaubliche Ruhe aus.

Natürlich singt Ian Gillan nicht mehr wie in der Anfangszeit, der Stimmumfang hat sich altersgemäß verringert. So what?! Sein Gesang klingt besser, als vor vielleicht 10 oder 20 Jahren! Denn er hat gelernt, das zu 100 Prozent zu nutzen, was seine Stimme mit fast 81 Jahren noch hergibt. Und das ist jede Menge und beeindruckt auf Platte und auch live! Er singt kraftvoll und schreit sich bei „Into the fire“ die Seele aus dem Leib, bis die Töne kippen. Zwischendrin verschwindet er immer wieder hinter der Bühne, erholt sich. Die Band rockt unbekümmert weiter, denn sie steht schon immer für viele Instrumentalteile, beschäftigt von jeher Ausnahmemusiker, die wissen, wie man Soloparts packend und gehaltvoll füllt. Und so fällt die Stimmung während der gesamten 100 Minuten nie ab. Deep Purple kann es sich leisten, neben einem unveröffentlichten Jam, auch fünf oder sechs Songs aus den beiden letzten Alben in den Set zu integrieren. Normalerweise werden neue Songs im Konzert vom Durchschnittstrinker gerne genutzt, um Nachschub zu holen bzw. das Konsumierte wieder los zu werden. Bei dieser Show sind neue Kracher wie „Arrogant Boy“ oder „Diablo“ (mit kurzem Textaussetzer von Gillan) kein Grund zum Bierstand abzuwandern. Faszinationspegel und Stimmung bleiben am Peak. Das Neue passt perfekt in die Setlist, die natürlich auch Kracher wie „Smoke on the water“, „Black night“, „Lazy“ oder „Space truckin'“ enthält. Einer der Höhepunkte ist „When a blind man cries“. Auch bluesig und mit reduziertem Sound ist die Band eine Bank!

Deep Purple sind gealtert, aber mit Würde und sie stehen voll im Saft. Das haben nicht nur die beiden letzten Alben bewiesen, sondern untermauern auch die Shows ihrer aktuellen Tour, die kurz vor Weihnachten (nach über 90 Konzerten!) in Mexiko zu Ende geht. Man kann ihnen durchaus zutrauen, dass sie noch ein Album machen. Ich bitte darum! (acb)