Der Lanzenanger in Burglengenfeld ist bei über 30 Grad und praller Sonne ähnlich brütend heiß, wie vor fast genau 40 Jahren, als Wolfgang Niedecken Ende Mai 2026 mit ehemaligen Veranstaltern und Medien zu einer kurzen Stipvisite und trotz Allergien zurückkehrt. Elementare Sätze hat er dennoch im Dialog gesagt. Vorher gab es in der großen Presserunde einen schönen Erinnerungsmonolog mit Anekdoten aus 1986 als Statement für alle.

Bernd Schweinar:
Euer Manager Balou war wohl der Ideengeber, der zu den damaligen Festivalveranstaltern gesagt hat: ihr solltet als Konzertagentur weitermachen. Ohne ihn hätte es wohl Power Concerts um Arthur Theisinger als nachhaltiges Kulturunternehmen für Ostbayern nie gegeben. Welche Erinnerungen hast Du noch, als da ein paar unbedarfte Jugendliche, die noch nie eine große Produktion organisiert hatten, zu Euch kamen und sagen, wir wollen ein großes Festival gegen die WAA-Pläne machen? Und warum hat sich Balou damals so reingehängt. Üblicherweise lässt man solche Anfragen doch eher an sich abtropfen.
Wolfgang Niedecken:
Wir waren eine Band der Szene! Und das Anti WAA-Festival war ein Ding, wo der Arthur [Theisinger] und die anderen überhaupt nicht auf „Dicke Hose“ gemacht haben. Wir haben auch bei der Besetzung des Stollwerck gespielt. Das waren ähnliche Sachen. Da konnte man uns auch anrufen und wenn wir das irgendwie geschafft haben, dann sind wir da auch hin und haben teilweise umsonst gespielt. Andere Leute, die sonst aufgeblasen kamen, die sind bei uns sowieso vor die Pumpe gelaufen. Aber Arthur und seine Kumpel haben gesagt, sie könnten das eigentlich überhaupt nicht und bräuchten unsere Hilfe. Dann haben wir gesagt: ja klar, wir machen das! Du siehst ja, wenn der Arthur davon redet, dann ist der immer noch beseelt davon. Der hat davon immer noch das Lächeln im Gesicht, das ist unfassbar.
Bernd Schweinar:
Ihr wart 1986 aber inmitten einer Tour. Trotzdem hat Balou in dieser knappen Zeit eine Unmenge an Know-how eingebracht, um das legendäre Anti-WAAhnsinns-Festival Realität werden zu lassen. Ohne ihn hätte das Ganze nie in dieser Art und Weise stattgefunden.
Wolfgang Niedecken:
Das stimmt! Das hat er mehr oder weniger auch in unserem Auftrag gemacht. Er war ja unser Manager. BAP waren damals auf einer Tour. Während du auf Tour bist, kannst du sowas gar nicht machen. Und er hat es aber trotzdem gemacht.
Bernd Schweinar:
Wie fühlt es sich für Dich an, jetzt hier nach 40 Jahren wieder an so einem Ort zu stehen, wo damals 120.000 Menschen ein friedliches Festival zur Legende werden ließen?
Wolfgang Niedecken:
Ich bin glücklich, dass ich sowas erleben durfte. Klar, wir haben da auch selbst einen Teil dazu beigetragen, dass das möglich wurde. Es ist auf jeden Fall eines meiner Highlights im Leben gewesen. Wenn ich so zehn Stück aufzählen sollte, wäre es eins davon.
Wolfgang Niedecken:
Die Anfrage, um 1986 beim Anti WAAhnsinns Festival aufzutreten, kam damals von diesen jungen Leuten hier, bei uns im Büro an. Unser Büro war noch ein Ein-Mann-Betrieb. Das war Roland Temme, der „Balou“, der hat ausschließlich uns gemanaged. Und damit hatte er schon alle Hände voll zu tun.
Als diese Anfrage kam haben wir direkt gesagt, wenn wir das irgendwie schaffen, dann machen wir das, dann werden wir dort spielen! Wir haben dann allerdings auch gemerkt, dass die Jungs nicht so furchtbar viel Ahnung hatten, wie man so ein Riesending organisieren konnte. Gott sei Dank hat der Balou dann gesagt: Wir fahren da jetzt mal hin! Während der laufenden Tour! Balou und ich sind einfach mal hier hingefahren, am gleichen Abend mussten wir in Rüsselsheim spielen und haben dann mit ihm zusammen so zwei, drei Locations hier besichtigt, wo man dieses Festival stattfinden lassen könnte. Der Balou hat dann gesagt, da könnte es gehen. Das ist dann der Lanzenanger.
Auf die Schnelle haben wir noch ein paar andere Sachen besprochen. Dann ging es wieder zurück nach Rüsselsheim, wo ich direkt vom Auto auf die Bühne gelaufen bin. Von da an waren wir sozusagen Neudeutsch involved, also an Bord. Wir waren richtig in den Dingen drin und wir wollten das auch, weil wir die Dringlichkeit gespürt haben. Wir wollten, dass es richtig groß wird, dass es gut wird.
Deshalb haben wir uns auch bemüht, andere Acts ranzuschaffen. Ich weiß noch genau, ich habe den Udo Lindenberg angerufen und das Gespräch habe ich noch komplett in den Ohren. Das war sensationell. Ich sage, Udo, du musst da spielen, das ist wichtig: Wackersdorf, Wiederaufbereitungsanlage. [Anm.: Niedecken ahmt Udos Nuschelslang als Antwort nach] „Yo, aber ich habe momentan keine Band am Start.“ Und ich sage: ist alles ganz egal. Sag, was du da spielen willst, drei Stück oder was? Wir schaffen uns die drauf und dann begleiten wir dich als BAP in Wackersdorf.
Sehr lustig war in diesem Zusammenhang, dass der Udo zu uns auf Tour zu Besuch kam. In Bad Aibling hat er mit uns den Soundcheck gemacht und drei Nummern mit uns eingeprobt. Abends haben wir uns den Witz erlaubt, dass das Licht ausging und dann auf einmal BAP anfing zu spielen, allerdings ohne mich. Dafür stand der Udo als Sänger auf der Bühne und hat seine drei Stücke gespielt. Das war sensationell und die Leute waren natürlich sehr verwundert, weil die wussten überhaupt nicht mehr, was da jetzt passieren würde. Falsche Tickets gekauft oder was?
Von Wolfgang Ambros hatte ich nur eine Adresse. Deshalb habe ich dem Ambros eine Postkarte geschrieben: hey, Du musst da unbedingt spielen! Weil ich weiß ja, dass das hier auch Ambros-Gebiet ist. Wo der sehr populär ist. Und Ambros hat geantwortet: Jaja, okay, und was wollen wir denn da spielen? Ich kann mich erinnern, dass wir „Like A Rolling Stone“ mit ihm gespielt haben. Also seine Version, meine Version.
Die Toten Hosen haben später gesagt, sie wären durch uns eingeladen worden, woran ich mich aber gar nicht mehr erinnern kann. Aber wir fanden die Hosen natürlich großartig! Die waren damals noch nicht so bekannt, wie sie heute sind. Also heute füllen die jedes Stadion locker. Damals war es mit den Hosen ganz, ganz charmant. Die kamen da an und sind erstmal in den Baumarkt gefahren und haben sich ein Steilwandzelt gekauft, wo sie drin schlafen wollten. Das Zelt haben die natürlich alles schön mit Totenköpfen verziert. Das waren viele, viele wunderbare Geschichten.
Grönemeyer haben wir über unsere Plattenfirma besorgt. Helmut Fest war damals der Chef von der EMI, so ein Urkölscher. Und der hat gesagt, das ist wichtig, da müssen alle Bands spielen, die von uns vertreten werden. Darüber kam auch Grönemeyer dazu.
Dann haben wir auch noch Kölner Bands, wie Schröder Roadshow angesprochen, mit Gerd Köster [Anm.: zweigeteilt live dabei als „Die Firma“ bzw. „Uli Hundt & Der Wahnsinn“]. Das war eine unglaublich tolle Band, die auch Gott weiß wo unterwegs war. Immer wieder auch in allen Größenordnungen gespielt hat, teilweise auch Free-Konzerte.
Auch Purple Schulz kam dazu. Es war wirklich wie so ein Schneeballsystem. Und es wurde immer größer! Auch für uns war das: Wow! Das musste dann ja auch technisch organisiert werden. Da war der Balou natürlich sehr gefordert. Aber irgendwie haben wir das hingekriegt.
Die Gelegenheit war insofern natürlich günstig, weil genau zu diesem Zeitpunkt Tschernobyl hochgegangen war. Mir war unmittelbar bewusst: wenn dieses Ding was werden soll, wenn man irgendwo eine Chance haben sollte, diese Wiederaufbereitungsanlage zu stoppen, dann – wie Elvis so schön gesungen hat – it’s now or never. Wenn, dann jetzt. Das hat dem ganzen Ding natürlich einen unglaublichen Schub bereitet.
Es gibt aus der Zeit ganz wenige Sachen die wir jemals gemacht haben, wo man sagen kann, da haben alle an einem Strick gezogen. Da waren keine irgendwelchen Befindlichkeiten wie, nee, mit dem spiele ich nicht, oder kein Bock, oder wenn der, dann ich nicht. Überhaupt nichts. Das war wunderbar. Alle haben an einem Strick gezogen, auch die Medien haben mitgespielt.
Das muss man sich ja vorstellen, für uns aus dem Ballungsgebiet Nordrhein-Westfalen ist die Oberpfalz hier „in the middle of nowhere“! Aber das war total charmant. Ich habe das wirklich sehr, sehr genossen.
Super fand ich auch, dass Rio Reiser gekommen ist. Ich weiß gar nicht mehr, ob der eine Band dabei hat oder ob der alleine nur am Piano am zweiten Abend gespielt hat. Wir waren ja nur am ersten Abend dort und mussten eher weg, weil wir in München einen Auftritt hatten. Als wir dann von hier weggefahren sind, das war so, als wenn wir aus einem Traum erwacht wären. Da ist ja alles so unfassbar gut gelaufen. Das würde man unter heutigen Sicherheitsbestimmungen gar nicht mehr hinkriegen.
Ich habe mich ein paar Jahre später wieder daran erinnert, als wir 1992 in Köln dieses „Arsch huh, Zäng ussenander“-Konzert auf dem Chlodwig-Platz gespielt haben. Das war die gleiche Power! Alle haben mitgearbeitet und es wurde dann auch ein Riesenerfolg. Es sind auch über 100.000 Menschen hingekommen. Das ist vergleichbar. Alle haben am gleichen Strang gezogen. Und viele Leute sagen, ja, das müsste man viel öfter machen. Das wäre sehr schön, aber das würde nicht viel öfter passieren. Damit darf man nicht inflationär umgehen.



