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Van Morrison

Kritik zum Dinner-Konzert am 5. April in Belfast im Europa Hotel

Ein Nachmittag zwischen musikalischer Genialität und kühler Distanz

Wenn ein Musiker in seiner Heimatstadt auftritt, liegt immer eine besondere Spannung in der Luft. Für Van Morrison gilt das umso mehr: Der mittlerweile über achtzigjährige Sänger aus Belfast ist eine lebende Legende – und zugleich ein Künstler, der sich konsequent jeder Erwartungshaltung entzieht. Beim exklusiven „Lunch & Show“-Konzert am 5. April im traditionsreichen Europa Hotel zeigte sich genau diese widersprüchliche Mischung aus Nähe und Distanz, Routine und Magie.

Das Format des Nachmittagskonzerts – ein Drei-Gänge-Lunch, gefolgt vom Auftritt am frühen Nachmittag – verlieh der Veranstaltung einen fast salonartigen Charakter. An rund 30 Tischen erwarteten 300 Gäste gespannt den Auftritt von „Van the Man“. Statt Arena-Atmosphäre herrschte gedämpfte Erwartung: runde Tische, gedämpfes Stimmengewirr, dann plötzlich die Band auf der Bühne. Gegen 15 Uhr betrat Morrison, ohne große Geste den Raum – eher wie ein Musiker, der zur Probe kommt, als wie ein Star, der ein Publikum begrüßt. Musikalisch allerdings ließ er kaum Zweifel daran, warum sein Name seit Jahrzehnten zum Kanon der Pop- und Soulgeschichte gehört. Seine Band legte einen warmen, jazzig-bluesigen Klangteppich, auf dem Morrisons Stimme nach wie vor eine erstaunliche Präsenz entfalten kann. Zwar ist das berühmte rauchige Timbre brüchiger geworden, doch gerade diese Patina verleiht vielen Songs eine neue Schwere. Musikalisch gab es wenig Raum für Kritik. Morrisons Stimme ist nach wie vor eine Naturgewalt und stand unangefochten im Zentrum des Geschehens. Beeindruckend war vor allem seine instrumentale Vielseitigkeit: Ob am Saxophon, der Mundharmonika, an der Gitarre oder am Klavier – Morrison bewies einmal mehr, dass er sein Handwerk perfekt beherrscht.

Typisch für Morrison: Zwischen den Liedern gab es kaum Ansagen. Die Songs flossen ineinander, als folgten sie einem inneren Strom statt einer geplanten Dramaturgie. Klassiker mischten sich mit weniger bekannten Stücken, Soul-Standards mit Bluesnummern. Bei einer so strikten Spielzeit blieb zwangsläufig wenig Raum für die ganz große Nostalgie. Morrison spielte zwar eine Mischung aus bekannten Liedern und neuerem Material, doch wer auf eine umfassende Reise durch seine größten Erfolge gehofft hatte, wurde teils enttäuscht. Für absolute Welthits wie etwa „Brown Eyed Girl“ war in den eng getakteten anderthalb Stunden schlicht kein Platz mehr. Das absolute Highlight des Nachmittags war zweifellos „Gloria“. In diesem Moment sprang der Funke endgültig über, und die mitreißende Energie des Songs riss das Publikum förmlich mit. Der Sänger stand meist leicht seitlich zum Publikum, dirigierte seine Musiker mit kurzen Handbewegungen und ließ den Fokus klar auf der Musik selbst. Gerade in diesem intimen Rahmen entfaltete sich die besondere Qualität des Konzerts. Die Distanz, die Morrison häufig nachgesagt wird, wirkte hier weniger kühl als konzentriert. Statt Entertainment bot er etwas anderes: eine Art musikalische Meditation. Besonders in den langsameren Passagen – wenn Saxophon und Orgel den Raum füllten – entstand ein Moment, der über bloße Nostalgie hinausging.

Natürlich fehlte auch etwas: Wer große Gesten, Publikumsdialog oder nostalgische Hitparaden erwartet hatte, wurde kaum bedient. Morrison bleibt ein eigenwilliger Performer, der sich nicht für Erwartungen interessiert – weder für die der Industrie noch für die seines Publikums. Denn so brillant die Musik auch war, so unterkühlt präsentierte sich der Künstler selbst. Ohne ein Wort der Begrüßung betrat Morrison die Bühne und legte sofort los. Nach punktgenau 90 Minuten verschwand er ebenso wortlos wieder – ein Abgang, der fast schon abrupt wirkte, da er die Bühne bereits verließ, während die Musiker noch ihre Soli spielten.

Für Kenner mag dieses Verhalten nicht überraschend sein, doch für ein Heimspiel in Belfast hätte man sich ein Mindestmaß an Interaktion gewünscht. Ein einfaches „Danke, dass ihr hier seid“ hätte dem Nachmittag eine persönliche Note verliehen, die über das reine Abspulen des Repertoires hinausgegangen wäre. Es war ein schönes Konzert in exklusivem Rahmen, das vor allem durch musikalische Präzision bestach. Wer Van Morrison wegen des Handwerks besucht, kam voll auf seine Kosten. Dennoch bleibt ein zwiespältiges Gefühl: Man hätte sich von dem Altmeister etwas mehr Nahbarkeit und vielleicht die eine oder andere zusätzliche Hymne gewünscht. Ein technisch perfekter Auftritt, dem es jedoch ein wenig an Herzlichkeit gegenüber dem treuen Publikum fehlte. Doch gerade darin liegt jedoch seine anhaltende Faszination. Das Konzert im Europa Hotel war kein Spektakel, sondern eine Begegnung mit einem Künstler, der sich seit über fünfzig Jahren konsequent seiner eigenen musikalischen Logik verpflichtet fühlt. In Belfast, seiner Heimatstadt, wirkte das fast wie ein Kreis, der sich schließt: ein alter Meister, der ohne Pathos einfach weiterspielt. Und – die Reise aus der Oberpfalz nach Belfast hat sich gelohnt! (SilvFr)