Mit ihrem selbstbetitelten Debut haben diese vier jungen Musiker von Midge’s Pocket um die Schuhbeck-Brüder schon 2024 ein feines, vielseitiges Vintage-Rock-Album veröffentlicht, wie es authentischer und ehrlicher kaum sein könnte. Dabei lässt sich der Vierer, der knietief im Sound der 60er und 70er verwurzelt ist, nicht so leicht in eine Schublade stecken, die Songs decken die ganze Palette von Americana, Folk und Country bis hin zum Blues und Rock’n’Roll mehr als gekonnt ab. Wobei die Stile innerhalb der verschiedenen Songs genreübergreifend scheinbar spielend ineinander verschwimmen. Und jetzt präsentiert diese Band aus Mühldorf in Oberbayern mit „Whooble!“ einen zweiten Longplayer und legt noch einen drauf. Dabei hat sich das Bandgefüge leicht verändert, zu den Geschwistern Jonas und Bastian Schuhbeck und Bernie Huber kommt als neuer Vokalist und Organist Axel Hackner. Nach dem Ausstieg von Flo Niebauer (Gitarre, Lead Vocals) soll es nun „eine dezente Umorientierung vom reinen Gitarrenrock hin zu Orgel- und E-Piano-orientierten Klängen“ geben, so die Band. Und auch damit erfinden Midge’s Pocket keine Räder neu, sondern bleiben ihrer Richtung treu. Wie beim Erstling gibt’s elf neue Songs, dazu kommen noch zwei Bonus-Tracks.
Mit „Whooble!“ präsentieren Midge’s Pocket ein Rockalbum, das stark von klassischem Band-Sound geprägt ist. Gitarren, Bass, Schlagzeug und jetzt auch Orgel bilden das musikalische Fundament und verleihen dem Album eine eher traditionelle Rockästhetik. Gerade diese Instrumentierung sorgt für einen warmen, handgemachten Klang, dazu kommt als großer Pluspunkt die melodische Zugänglichkeit. Viele Songs setzen auf klare Refrains und eingängige Gitarrenriffs, die sich schnell im Ohr festsetzen. Stücke wie „Love Sweet Love“ zeigen zudem eine hohe Energie und ein schnelles Tempo, wodurch das Album auch eine dynamische Seite bekommt. Schon das Gitarrenriff zu Beginn wirkt direkt und melodisch, wodurch der Song sofort eine positive, fast euphorische Stimmung erzeugt. Das Schlagzeug treibt das Stück konstant voran, während der Gesang relativ klar im Vordergrund steht. „Love Sweet Love“ funktioniert der Song sehr gut als energiegeladener Einstieg. Im Gegensatz dazu wirkt das über acht Minuten lange „The Mighty Ibis“ wirkt deutlich atmosphärischer und mysteriöser als viele andere Songs des Albums. Der Track baut stärker auf Rhythmus und Atmosphäre als auf einen sofortigen Ohrwurm-Refrain. Die Gitarren sind teilweise etwas düsterer oder experimenteller eingesetzt, während Bass und Schlagzeug eine solide Grundlage schaffen. Dadurch entsteht ein Klangbild, das sich langsam entwickelt und mehr Spannung aufbaut als andere Songs. Und mit „Little Magic Pocket Trick“ endet dann dieser Longplayer. „LMPT“ gehört zu den verspielteren und originelleren Stücken, schon der Titel vermittelt etwas Humorvolles und leicht Absurdes, und diese Stimmung findet sich auch musikalisch wieder. Der Song arbeitet mit kleineren musikalischen Überraschungen: kurze Breaks, kleine Veränderungen im Rhythmus oder ungewöhnliche Übergänge zwischen den Songteilen. Dadurch wirkt das Stück lebendiger und weniger vorhersehbar. Instrumental erinnert der Song teilweise an Indie-Rock oder alternative Rockbands, die gerne mit Klangfarben experimentieren. Besonders interessant ist, dass die Band hier nicht nur auf den großen Refrain setzt, sondern auch auf Details im Arrangement. Auch die restlichen Stücke können überzeugen. Die Songs wirken so, als seien sie aus Jam-Sessions oder klassischem Band-Zusammenspiel entstanden. Dadurch fühlt sich die Musik lebendig und organisch an, obwohl „Whooble!“ stellenweise stilistisch sehr konservativ wirkt, aber das ist gewollt. Das Album wirkt – genauso wie das Debut – wie eine lupenreine Americana-Inkarnation, eine aufregende Collage aus Stilelementen der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre. Jene florierende Ära, die bis heute als Hort unerschöpflicher Ideen und Kreativität steht. In einer Kritik zum ersten Album war das so zu lesen: „Es sind die variabel gestalteten Songs, die gewitzten Arrangements, der Vintage anmutende Sound des Albums, die wechselnden Lead Vocals, der gekonnte mehrstimmige Satzgesang, der jedem der ein Faible für diese Ära hegt, wohlige Schauer über den Rücken jagt. Das macht einfach Freude. Das klingt ehrlich, authentisch und echt.“ Das kann man ohne Abstriche auf den Zweitling übernehmen
Diese Burschen, die ihre musikalische Prägung durch hochkarätige Bands wie Creedence Clearwater Revival oder The Band erfuhren, pflegen erneut ihren clever ausgetüftelten Eklektizismus mit gebührender Leidenschaft und dem unbedingten Willen unterhaltsame, kurzweilige Songs zu kreieren. Im Großen und Ganzen erinnern Midge’s Pocket mit ihrem Elan unter anderem auch an die kanadische Band The Sheepdogs, und das darf als Auszeichnung verstanden werden. Konsequent gibt’s diesen Longplayer nicht nur als CD, sondern auch in Vinyl, in schwarz oder farbig! Ende Februar gab’s die Band „live on stage“ im Schwandorfer Felsenkeller zu erleben, und im Sommer kommen Midge’s Pocket wieder in die Oberpfalz und spielen am 25. Juli beim „Südstaatenfest“ in Burglengenfeld. Also Termin vormerken! (Soop Records) P.Ro
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