Wer schreibt, hangelt sich am liebsten an einem roten Faden von Klischees entlang. Ein solcher ist bei Maxi Pongratz aber gar nicht so leicht auszumachen, sieht man mal davon ab, dass der aus dem Passionsspielort Oberammergau stammende Musiker an diesem Abend hier im restlos ausverkauften Ostentorkino ein Hohner-Akkordeon spielt. In erster Linie aber neigt der langjährige Kofelgschroa-Musiker dazu, originell zu sein. Und sich Klischees auf ganzer Linie zu verweigern. Natürlich hat er mit einer Reihe von Berufskollegen den bayerischen Dialekt gemeinsam – seine höchst persönliche Variante aber ist mit jenen schwäbischen Einsprengseln versehen, die das Allgäu mit seinen alpinen Milch- und Käsearomen schon erahnen lassen. Was angesichts vorherrschender bajuwarischer Softvarianten vor allem Münchener Prägung doch eher unique ist. Ob er deshalb auch ein Liedermacher ist? Textlich ganz gewiss. Aber musikalisch steckt Maxi Pongratz viel zu tief drin, in der Tradition der bayerischen Volksmusik – so, als wäre er, dieser lulatsch-lange Schlaks, bis zur Halskrause in einem Moor des Oberlands versunken. Begleitet wird er bei diesem begeisternden, knapp zweistündigen „deep dive“ von seinen beiden Mitmusikern Juri Kannheiser am Cello und Simon Ackermann am Kontrabass, was dem Sound wiederum viel Flirrendes verleiht, zwischen Jazz, Kaffeehaus und Folk.

Aber ansonsten? Verhält sich die Sache dann doch vor allem wie Kraut und Rüben. Die Drei streuen immer wieder Instrumentals ein, zwischen die Pongratz’schen Moritaten und Balladen, sodass sich am Ende nur so halbscharige Vergleiche ziehen lassen wie die zwischen Äpfeln und Birnen. Aber vielleicht rufen wir kurzerhand zur Klärung der Angelegenheit Maxi Pongratz selbst in den Zeugenstand? Und zitieren aus seinem „Ordnungslied in Es-Dur“: „I bin koa sortierter Mensch / dafür fehlt mir des Talent. I woaß leider ned / wie Ordnung geht!“ Angesichts solcher Selbstanklagen aber dürfte am Ende allen im Publikum klar sein: Die beeindruckende Performance, sie konterkariert ein solches Selbstbekenntnis zu angeblicher Schlamperei auf der ganzen Linie. Und: Würde man ein solches Geständnis für bare Münze nehmen, dann fiele solcher Rabulistik zugleich der Satiriker zum Opfer. Denn natürlich ist hier die Wahrheit nur dann zu verstehen, wenn man das Augenzwinkern als Vorzeichen berücksichtigt. Der als geborener Stotterer – was man übrigens erst dann zur Kenntnis nimmt, wenn er sich diesbezüglich ganz ernsthaft offenbart hat – so kunstvoll zu reimen vermag, dass „Zungenknoten“ mit „Synapsenboten“ eine gefährliche Liebschaft eingehen. „Am Anfang war das Wort“, zitiert er auf seinem neuen Album „rum und num“ eine berühmte Stelle der Weltliteratur, um in eigener Sache fortzufahren: „Doch das Wort steckt fest!“

Das ist das Geheimnis dieses passionierten Melancholikers: Dass er gerade dann zu großer Form aufläuft, wenn er sich zu seiner Wortspielsucht bekennt. Und so beispielsweise in einer Zeile der Extraklasse seine „Angst“ zu seiner „engsten Vertrauten“ nobiliert. Allein, wie er hier auf engstem Raum im Ton eines Liebesgedichts mit „Angst“ und „engste“ jongliert (sodass im Hinterkopf der Zuhörerschaft sogleich die „Ängste“ anklingen), das hat schon was maradonahaft Geniales und ist angesichts der Ernsthaftigkeit des Themas auch noch brillant verspielt. Genau dieses exquisite Sprachtalent, diese Fähigkeit, verbale Schmankerl zu prägen, sie hat Maxi Pongratz auch auf Kabarettbühnen geführt. Vor wenigen Wochen erst wurde ihm in Passau das renommierte Scharfrichterbeil zugesprochen, jener Preis, der nicht nur Hape Kerkeling den Weg zum Superstar ebnete, sondern der auch Pate stand, für Luise Kinsehers Weg zur „Mama Bavaria“. Als Zweijähriger hat Maxi Pongratz bei den Passionsfestspielen schon erste Bühnenluft. Heute, als knapp 40-Jähriger, ist er als Sänger, Musiker und Entertainer auf der Bühne, der sich souverän traditionellen Zuschreibungen und sattsam bekannten Klischees entzieht. Wenn das kein roter Faden ist? (Peter Geiger)


