Attwenger sind im Pop das Synonym für ein minimalistisch und in Höchstgeschwindigkeit rappendes Drum- und Knopfharmonika-Duo. Wie kein anderer Act stehen die beiden Linzer Markus Binder und Hans-Peter Falkner als Brüder im Geiste für ein Bündnis aus Progression und Geschichtsbewusstsein. Seit mehr als drei Jahrzehnten schon stürmen sie die Bühnen. Und wenn sie dabei die Jahreszahl 1992 mittels ihrer oberösterreichisch eingerichteten Mundhöhlen zu einem „Nääänzenzwaaaranääänzg“ amalgamieren, dann hat das fast die Qualität eines Gedichts von Ernst Jandl. Bei ihren Shows verlangen sie sich und ihrem Publikum alles ab. 90 Minuten, so lang wie ein Fußballspiel dauert, ackern sie auch hier in der Alten Mälzerei vor ausverkauftem Haus den Boden um, sodass am Ende alle im Schweiße ihres Angesichts baden. Und kein Grashalm mehr senkrecht steht. Während beim maximal leicht bekleideten Drummer und Maultrommel-Virtuosen Markus Binder sämtliche Bäche wasserfallartig zu Tal stürzen, lässt sich beim Kollegen Hans-Peter Falkner folgendes beobachten: Zuerst sprenkelt sich sein rotes T-Shir nur. Dann aber, je weiter der Abend voranschreitet, wuchern diese Flecken zusammen. Und beim Finale sind sie zusammengewachsen, zu einem kompletten Panzer aus Schweiß.

Was Attwenger spielen, ist in der Summe fast so egal wie das, was sie singen. Mal bieten sie „drei Stück am Stück“, zum Alten gesellt sich Neues oder noch gar nicht Erschienenes. Sie sagen, das ist „verwirrend, aber schön“. Nein, für die beiden zählt weder der Moment noch das einzelne Wort und auch nicht der konkrete Ton. Alles wird hier live eingeschmolzen, zu einer eisernen Skulptur aus Klang. Aus „Dog“ wird der Tag und der Hund, aus „Sun“ die Sonne, die das Mississippi-Delta genauso illuminiert wie die obere Donau. Was entsteht, ist eine Zusammenschau aus Musik und Text. Was zählt, ist der Groove, der Rausch und die Ekstase. So klein dieses Drumset ist, so vielfältig und variantenreich sind die Beats, die Markus Binder anschlägt. Und Hans-Peter Falkner mag es ohnehin, wenn sein Instrument (bei seiner Ansage klingt das sowieso eher nach „Kampfharmonika“) unsauber klingt. Wenn es anschwillt, wie eine Kirchenorgel, bereit zum Choral. Oder messerscharf wie eine Mundharmonika die Lücken füllt, die der Breakband hinterlässt. Um die 60 sind beide mittlerweile. Von der Wildheit der frühen Jahre haben sie nichts eingebüßt.

Wenn man dann aber doch was vernimmt, und sich einlässt, auf diese sonische Ursuppe, die mal so verrostet klingt wie das Echo des Delta-Blues (den Rezensenten beschleicht auch eine Reminiszenz an ein Konzert von G. Love 2006 in München, bei dem Harmonikaklänge ähnlich stilprägend waren) und dann wieder so nah wie die Klangfahnen aus einem Turbofolk-Bierzelt, die vom Fahrtwind eines LKW von der einen Seite der Autobahn zur anderen gejagt werden. Dann ist klar: Attwenger sind politisch hellwach. Sie stehen „wegen ansteigender Aktualität“, wie Markus Binder sagt, auf der Bühne. Und dazu gehört selbstredend auch die Sorge über das gespenstische Anwachsen jener Partei in ihrem Land, die derzeit in der Opposition ist, aber nicht nur bei den letzten Nationalratswahlen als Sieger durchs Finish gegangen war, sondern nach wie vor in Umfragen führt. Warum sonst reimten Attwenger „entnazifiziert“ auf „bis heut ist nichts passiert“, auf „es hat nicht funktioniert“ und auch „nicht wirklich interessiert“? (Peter Geiger)



