Dürfen Wissenschaftler das erfinden und herstellen, wozu sie in der Lage sind, oder gibt es ethische Grenzen, die nicht übertreten werden dürfen? Und gibt es einen „guten“ Grund zur Entwicklung von (Massen-)Vernichtungswaffen, um einem „bösen“ Akteur zuvorzukommen?
Die Sorge vor dem „bösen“ Akteur treibt vier Physiker, aus Ungarn vor den Nazis geflohen, weil sie Juden sind, bei ihren Forschungen an ihrer neuen Wirkungsstätte in New York an. Sie haben schon vor ihrer erzwungenen Emigration zum Thema Kernspaltung gearbeitet und befürchten, dass die Forscher des „Anstreichers“ bereits weiter in der Entwicklung zur militärischen Nutzung von Uran sind als die Wissenschaftler in den USA.

Im ersten Akt zeigt die Regisseurin Joanna Lewicka die disparate Situation der Exilanten, keiner hat freiwillig seine Heimat verlassen. Die Frage von Jenö Wigner (Jonas Julian Niemann), ob sein Kollege Leó Szilárd (Clemens Maria Riegler) endlich seinen Koffer ausgepackt hat, zieht sich wie ein roter Faden durch den ersten Teil. Ed Teller (Max Roenneberg) und Paul Erdös (Joschka Eißen) sind die Antipoden, Teller angriffslustig, Erdös um Ruhe und Fassung bemüht. Sich wiederholende Floskeln und Fragen, dazwischen die Befürchtung, die Nazis könnten bei der Forschung zur Kernspaltung bereits wesentlich weiter sein, zeigen die erzwungene Heimatlosigkeit und Unsicherheit der vier Wissenschaftler. Mit dem Kriegsbeginn in Europa und dem Angriff auf Pearl Harbour erhalten sie nun Unterstützung von der Regierung, der litauische jüdische Banker Alexander Sachs (Jonas Schlagowsky) von der Lehmann Bank rekrutiert Sponsoren zur Finanzierung des Projekts. Bleibt nur noch die Position des Projektleiters offen. In diesem Akt, Buch der Patriarchen betitelt, fungieren die Spieler einerseits als Erzähler ihrer Situation und thematisieren ihre Zweifel, zeigen ihre Gedanken und ihren persönlichen Umgang mit dem Druck, dem sie unterliegen, schlüpfen dann wieder in ihre Rolle. Die etlichen Wiederholungen sind dann doch recht umfangreich, geraten über beinahe eineinhalb Stunden etwas langatmig.
Im zweiten Teil spitzt sich die Situation zu. Die Vereinigten Staaten sind in den Krieg eingetreten, und die Sorge vor den Angriffen der Nazis, besonders mit der neuen Waffe, ist manifest. J. Robert Oppenheimer (Guido Wachter) soll die Leitung des Projekts zur Entwicklung einer nuklearen Bombe übernehmen und erhält völlige Freiheit in der Wahl der beteiligten Wissenschaftler und der unglaublichen Kosten, die die Forschung verschlingen wird. Als Oppenheimer zögert, versucht der Regierungsvertreter Vannevar Bush (Michael Haake) dessen Skrupel auszuräumen – er schlüsselt die Zahl der Menschen auf, die im Krieg täglich sterben, um Oppenheimers Zustimmung zu erhalten. In dieser Phase können die Spieler die Dramatik um diese Entscheidung eindrucksvoll vermitteln, sie zeigen die Unsicherheit, ob das Vorhaben tatsächlich gelingen kann und die Skrupel vor dieser neuen unglaublichen Vernichtungswaffe mit starker Präsenz.
Eine kluge und stimmige Idee der Regisseurin ist die eingefügte Rolle der Metapher der Zeit. Paul Wiesmann fungiert im schwarzen Ganzkörperdress als Erzähler, muss aber auch als Todesbote gesehen werden – egal, welche Entscheidungen getroffen werden, egal, ob die Bombe eingesetzt wird, die Auswirkungen werden verheerend sein.

Die sachliche Arbeitsatmosphäre, in der die Wissenschaftler agieren, wird stimmig auf die Bühne gebracht: eine graue Wand aus großen Tafeln, bereit zum Notieren von Formeln und Ideen, einige Schreibtische, weiße Blätter auf dem Schreibtisch und dem Boden verstreut, das Pentagon von Lichtleisten an der Decke als stiller Hinweis.
Mit diesem komplexen und vielschichtigen Werk kann der Autor Stefano Massini durchaus an den Erfolg deines Stücks „Lehmann Brothers“ anknüpfen. Das ethische Dilemma zwischen Verantwortung und Moral in der Wissenschaft wird in diesem auf historischen Fakten beruhenden Drama eindrucksvoll thematisiert. Regie und die hoch motivierten Darsteller des Theater Regensburg geben in dem drei Stunden und 10 Minuten dauernden Stück eine überzeugende Vorstellung. Aber, wie schon angesprochen, eine gelegentliche Straffung hätte nicht geschadet.
Dass sich Oppenheimer nach dem Abwurf der ersten beiden Atombomben und der dadurch ausgelösten Verheerungen für die strikte Kontrolle und Ächtung der Atomwaffen eingesetzt hat, ist nicht mehr Thema dieses Stücks, wird im Film „Oppenheimer“ von 2023 und im Dokumentartheater aus dem Jahr 1965 (In der Sache J. Robert Oppenheimer von Heinar Kipphardt) thematisiert. (arm)
Weitere Aufführungen am 3., 4., 5., 8., 17., 18., 20., 21. und 28. Februar und im April


