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Hans Well und die Wellbappn

Kritik zum Konzert am 23. Januar in der Alten Mälzerei in Regensbug

Insider-Kritik von Peter Geiger, gefunden in der Mittelbayerischen

Die Biermösl Blosn gibt’s seit ziemlich genau 14 Jahren nicht mehr. Vor ein paar Tagen jährte sich’s, dass das ausschließlich aus Wellbrüdern bestehende Trio aus dem im Dachauer Hinterland gelegenen Biermoos zum letzten Mal gemeinsam auftrat. Die einen, Michael und Stofferl Well, meinten damals, der Alleinvertretungsanspruch der CSU als Sündenbock für alles und jedes hätte ausgedient. Hans Well dagegen forderte inhaltliche Härte und neue Lieder. Was für Außenstehende jetzt nach millimeterfeinen Nuancen klingt, als Mangel im Feintuning, entpuppte sich als unüberbrückbares Hindernis, als Basis eines veritablen Bruderzwists im Hause Well. Weshalb dieser einst so vitale, volksmusikgenährte Regenwurm nach der Teilung zwei Gestalten angenommen hat. Die einen, die Wellbrüder ausm Biermoos, setzten gerade ihrer Ewigkeitsstatus genießenden Zusammenarbeit mit Gerhard Polt in den Münchner Kammerspielen die Krone auf. Hans Well dagegen ist am Freitagabend mit Tochter Sarah Well und Komalé Akakpo in der Alten Mälzerei zu Gast. Bittet er den Tontechniker „um mehr Hall“, dann könnte das auch ein kaum verklausulierter Hilfeschrei sein, nach mehr Aufmerksamkeit. Es ist das alte Lied, das es Verantwortungs- und Gesinnungsethikern so schwer macht, gemeinsam in einem Chor zu singen. Der eine meint, jede Veränderung könnte als Zugeständnis an die Unverschämtheit der Macht missverstanden werden. Die andern aber, die ihrerseits im Ruf verlorener Söhne standen, verteidigen ihn, den hart erkämpften Platz an der Sonne. Hans, Texter der berühmten „BayWa-Hymne“, das ist klar, ist der Fundi unter den Well-Brüdern. Entsprechend deftig gleich der Einstieg der Wellbappn vor ausverkaufter Sitzplatz-Kulisse: Aus maximaler Fallhöhe – Regensburg wird hochgejazzt, nicht nur zur „Premium-Provinz“, sondern auch zum „Oberpfälzer Paradies“ – wird der Höllensturz beschrieben. Die wichtigsten Stichworte dabei: „Regenbrücke“ und „Magerwiese“, „Trambahn“ und „Neupfarrplatz“, „Fürstin“, „Bischof“ und „Wolbergs“. Dass dabei auch die regionale Tageszeitung als Teil des Problemkomplexes beschrieben wird, liegt in der Natur dieser Perspektive, ist aber gleichzeitig nicht ganz frei von unfreiwilliger Komik. In dieser Weltsicht bleiben die jüngsten globalen Plattenverschiebungen unberücksichtigt.

Gleichzeitig aber würde man diesem Abend nicht gerecht, würde man nur meckern wollen. Nein, es gibt sie, die Momente, die Differenzierung, Klarheit und Komik mit bajuwarischer Musikalität und dialektischem Dreigesang vereinen, so dass ganz automatisch Beifallsstürme aufbranden. Wenn Hans Well etwa den „Saudi“ auf „Rowdy“, „Gaudi“ und „Audi“ reimt, wenn er ein „WLan für mein Glockenspiel“ fordert oder den Teufel in Gestalt des „Schienenersatzverkehrs“ an die Wand malt. Dennoch bleibt am Ende der knapp zwei Stunden auch ein bisserl Ratlosigkeit zurück: Kann eine Welt, deren Bruchkanten offen zur Schau gestellt wurden, mit den Mitteln solchen Kabaretts überhaupt noch erfasst werden? Friedrich Dürrenmatt entdeckte einst für seine nuklear praktizierenden „Physiker“ die Groteske als Ausdrucksmittel. Angesichts dessen, dass uns gegenwärtig das Lachen abhandengekommen ist: Wie wär’s mit ein bisschen mehr Trost für wundgescheuerte Seelen? (Peter Geiger)