Wolfgang Haarer ist einer der aktivsten Cracks der lokalen Szene seit er Anfang der 80er angefangen hat Musik zu machen und spielt heute noch in verschiedenen Bands wie z.B. Midlife Crisis Ltd., Staid As Quo oder den Motor City Monkey Hunters. Los gings aber mit Aragon Tyros, aus denen 1987 Sidewalk City wurden. Und dem einzigen Album dieser Band widmet sich diesmal der Soundreport.
„Downtown“ von Sidewalk City ist ein Album, das heute weit mehr ist als ein vergessenes Stück regionaler Musikgeschichte. Die 1992 veröffentlichte CD dokumentiert den Sound und das Lebensgefühl einer Regensburger Band, die ihre musikalischen Wurzeln in den wilden Rock- und Heavy-Metal-Jahren der 1980er hatte und schließlich den Schritt vom Proberaum auf den Tonträger wagte. Angeführt von Gitarrist und Sänger Wolfgang Haarer entstand damit ein musikalisches Zeitdokument, das vor allem durch seine Authentizität interessant bleibt.
Sidewalk City waren keine glatt produzierte Studioband, sondern Musiker aus einer lebendigen lokalen Szene. Genau das hört man „Downtown“ an. Die Musik besitzt eine gewisse Rohheit und Direktheit, die dem Album Charme verleiht. Gleichzeitig zeigt die Produktion den damaligen Versuch, aus dem klassischen Proberaum- und Live-Sound ein möglichst professionelles Produkt zu machen. Gerade dieser Gegensatz macht die CD spannend: Hier trifft der Enthusiasmus einer regionalen Rockband auf die technischen Möglichkeiten und Vorstellungen der frühen 1990er Jahre.
Allerdings ist die Produktion auch eine der Schwachstellen des Albums. Haarer selbst bezeichnete es später als Fehler, das Schlagzeug mit E-Drums aufzunehmen und die einzelnen Signale anschließend aufwendig am Computer zu bearbeiten. Die Produktion des Schlagzeugs nahm allein mehrere Monate in Anspruch. Aus heutiger Sicht wirkt dieser Aufwand fast symptomatisch für die Zeit: Die Technik sollte den Sound perfektionieren, nimmt ihm dabei aber teilweise jene natürliche Energie, die eine Rockband auf der Bühne auszeichnet.
Musikalisch interessant ist vor allem die Haltung hinter „Downtown“. Sidewalk City stehen für einen Rockbegriff, der noch stark aus der Ära der großen Gitarrenbands kommt. Hier geht es weniger um stilistische Neuerfindung als um Spielfreude, Lautstärke und das gemeinsame Erlebnis. Das Album wirkt deshalb nicht wie der Versuch, einem internationalen Trend hinterherzulaufen, sondern wie das Ergebnis einer Band, die über Jahre ihren eigenen Weg gegangen ist. Dabei hilft der historische Kontext. Haarer spielte bereits seit den späten 1970er Jahren in Bands, aus denen schließlich Sidewalk City hervorging. Die Gruppe entwickelte sich aus früheren Formationen wie Germanic und Aragon Tyros. In den 1980er Jahren gehörten zahlreiche Auftritte zur Bandgeschichte; 1991 spielte Sidewalk City sogar in Ost-Berlin, kurz nach dem Mauerfall. „Downtown“ steht somit am Ende einer langen Entwicklungsphase und bündelt die Erfahrungen einer Band, die ihre musikalische Sozialisation noch vollständig vor Internet, Streaming und digitaler Selbstvermarktung erlebt hatte.
Gerade deshalb besitzt die CD heute einen besonderen Reiz. Sie klingt nicht nach einer künstlich konstruierten Nostalgie, sondern nach einem tatsächlich gelebten Stück Rockgeschichte. Man hört den Ehrgeiz, endlich eine eigene CD in den Händen zu halten, aber ebenso die Begrenzungen einer Produktion, die mit überschaubaren Mitteln realisiert wurde. Dass letztlich nur 500 Exemplare hergestellt wurden, macht „Downtown“ zudem zu einem kleinen Sammlerstück der Regensburger Musikszene. Das vielleicht Bemerkenswerteste an „Downtown“ ist deshalb nicht die Frage, ob Sidewalk City 1992 mit den großen nationalen oder internationalen Rockproduktionen konkurrieren konnten. Das konnten sie vermutlich nicht. Ihre Stärke liegt vielmehr darin, dass die CD den Charakter einer lokalen Szene bewahrt. Sie erzählt von einer Zeit, in der Bands ihre Musik vor allem durch Proben, Auftritte, Freundschaften und Beharrlichkeit entwickelten.
Fazit: „Downtown“ ist kein makelloses Rockalbum, aber gerade seine Ecken und Kanten machen es interessant. Die teilweise überambitionierte Produktion steht einer unmittelbar wirkenden musikalischen Energie gegenüber. Als historisches Dokument der Regensburger Rockszene und als Zeugnis von Wolfgang Haarers langjährigem musikalischem Weg ist die CD bemerkenswert. Wer sich für regionale Rockgeschichte interessiert, findet hier weniger ein vergessenes Meisterwerk im klassischen Sinn als ein authentisches Stück gelebter Musikgeschichte – und genau darin liegt sein Wert.


