altemaelze

nochdvegl

Ursula Strauss & Ernst Molden

Reduktion auf das Wesentliche

Es gibt Musik, die nicht einfach gehört, sondern entdeckt werden will. „nochdvegl“, das dritte gemeinsame Album von Ursula Strauss und Ernst Molden, gehört genau in diese Kategorie. Es ist ein Nachtflug über eine vertraute und zugleich geheimnisvoll verwandelte Welt – getragen von zwei Stimmen und Moldens charakteristischer Gitarre. Die Reduktion auf das Wesentliche ist dabei keine Beschränkung, sondern die große Stärke des Albums. Strauss und Molden verzichten auf musikalischen Überbau und schaffen gerade dadurch Raum für ihre Geschichten. Ihre Lieder erzählen von Gespenstern und Zaubersprüchen, von Bussis und Tetschn, von Versuchungen und Abgründen, aber auch von den kleinen Momenten des Alltags. Was zunächst unscheinbar wirkt, bekommt aus der Vogelperspektive plötzlich eine eigene Poesie: Straßenbahnen tanzen Boogie auf ihren Schleifen, Hund, Koch und Ei verwandeln die Küche in einen Walzer.

Moldens Musik hat dabei etwas Erdiges und zugleich Entrücktes. Seine Gitarre zeichnet keine großen Klanglandschaften, sondern setzt feine Linien, in denen sich die Stimmen bewegen können. Ursula Strauss bringt eine außergewöhnliche Präsenz mit: Ihre Stimme kann zärtlich, lakonisch, verspielt oder dunkel klingen und verleiht den Texten eine Glaubwürdigkeit, die nie ins Pathetische kippt. Gemeinsam entwickeln die beiden eine Intimität, die beinahe wie ein privates Gespräch wirkt – nur dass man als Zuhörer diesem Gespräch sehr gerne lauscht. Besonders reizvoll ist der Gegensatz zwischen dem scheinbar Alltäglichen und dem Magischen. „nochdvegl“ schaut genau hin und entdeckt gerade dort seine Wunder. Das Album erinnert daran, dass Beschau keine luxuriöse Haltung ist, sondern eine Form der Aufmerksamkeit. Wer sich Zeit nimmt und wirklich zuhört, erkennt plötzlich die verborgenen Geschichten hinter den Dingen. So wird Wien auf „nochdvegl“ nicht zur bloßen Kulisse, sondern zu einem lebendigen Kosmos: vertraut und fremd, humorvoll und melancholisch, manchmal derb, dann wieder zart und beinahe schwerelos. Die Musik reist dabei weit – in alle Seelen- und Herrgottswinkel – und findet doch immer wieder zurück ins gemeinsame Daheim. „nochdvegl“ ist kein Album, das sich aufdrängt. Es verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber reichlich. Ursula Strauss und Ernst Molden gelingt eine poetische Momentaufnahme des Lebens, in der das Kleine groß und das Vertraute wundersam wird. Ein leiser, eigenwilliger und beglückender Nachtflug – und ein Album, das man am besten mit gespitzten Ohren hört. (Bader Molden Recordings) P.Ro

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