Ich bekenne, ich lag falsch! Philipp Poisel habe ich lange Jahre ignoriert. Habe ihn zu lange in eine Schublade mit anderen neuen deutschen (Solo-)Sängern gesteckt, mit denen ich bisher nichts anzufangen wusste, weil oftmals zu seicht und auch fotografisch zu langweilig. Dann sagte ein Bekannter aus der Musikbranche: wenn der kommt, dann geh hin, es wird sich lohnen! Fotografisch zwar immer noch eine Herausforderung, weil Solosänger mit Gitarre, und das alles noch ganz viel mit geschlossenen Augen. Aber ein paar gute Schüsse sind dann doch gelungen, einmal ist er sogar 30 cm hochgesprungen. Und die Ohren? Oder auch die Texte? Ein Abtauchen in lyrischen Tiefgang! Und was für eine Tiefe! Ab dem ersten Stück, dem Titel seines 2008er Debütalbums „Wo fängt der Himmel an“, eine Selbstreflexion seiner Seele. Nichts von Schlagerschmalz, kein Gesülze.

Nach und nach steigen die Bandmusiker mit ein. Als sie vollzählig sind, ist diese Band eine homogene Wand. Eine Kraft, die seine Songs voluminös nach vorne schiebt, über die Bühnenkante zu den Fans kippt, die jeden Text auch mit teils geschlossenen Augen mitsingen. „Auch wenn das Leben manchmal traurig ist, bin ich froh dabei zu sein“ reflektiert mehr als die Angst vor dem Sterben. Und es ist ein Stück, das exemplarisch den leidenden, nasalen Unterton seiner Stimme hervorhebt, der sich durch viele Songs zieht und irgendwie auch seine Marke geworden ist. In „Bis nach Toulouse“ steuert die Band eine unbeschreibliche Dynamik und Kraft bei, die seiner Gedankenreise eine immense Intensität verleiht. Dass er früh unter die Fittiche von Grönemeyers Grönland-Label kam, hört man den Arrangements z.B. von „Wunder“, „Alt und grau“ oder mehr noch einem seiner größten Hits, „Eiserner Steg“ an. Bei all der Gefühlsstärke, den durchaus auch traurigen Emotionen, ist Philipp Poisel auch einer, der auf der Bühne lachen kann, verschmitzt manchmal, aber immer auch gegenwärtig, dass vor seiner Bühne eine sehr emotionale Fanbase ihr eigenes Leben in seinen Texten mitdenken und mitsingen. „Es gibt Dinge, die brauchen Zeit“ heißt es in „Immer wenn einer“ und so brauchte es auch fast 20 Jahre, bis ich ihn nicht nur mit den Ohren sondern auch im Kopf finden konnte. Mit der Kamera auch! (Bernd Schweinar)


