Kaum eine Band lebt so sehr von ihrer eigenen Geschichte wie die Rolling Stones. Umso bemerkenswerter ist es, dass „Foreign Tongues“ nicht wie ein routinierter Nostalgietrip wirkt, sondern wie das selbstbewusste Werk einer Band, die ihre Vergangenheit kennt, ohne sich von ihr lähmen zu lassen. Dass der Großteil des Album innerhalb weniger Wochen in den Londoner Metropolis Studios entstand (nur vier der Stücke stammen aus früheren Sessions), hört man ihm an: Die Songs besitzen eine Direktheit und Spontaneität, die den Stones zuletzt erstaunlich gut zu Gesicht steht.
Nach dem überzeugenden Hackney Diamonds setzen Mick Jagger und Keith Richards ihren kreativen Höhenflug fort. Produzent Andrew Watt greift tief in den Werkzeugkasten der klassischen Stones-Ära und liefert ein Album, das stilistisch sämtliche Markenzeichen der Band vereint. Riffgetriebener Rock trifft auf erdigen Blues, elegante Balladen, Country-Anklänge und den unverzichtbaren Keith-Richards-Moment. So orientiert sich Andrew Watt dabei am klassischen Stones-Rezept und sorgt für eine abwechslungsreiche Mischung aus riffbetonten Rocknummern wie „In the Stars“, gefühlvollen Midtempo-Balladen wie „Jealous Lover“, kraftvollen Bluesstücken wie „Rough and Twisted“, Country-Anklängen in „Ringing Hollow“ sowie einem Solomoment für Keith Richards mit „Some of Us“. Statt beliebiger Stilübungen entsteht daraus ein homogenes Gesamtwerk, das sich ganz selbstverständlich in den Kanon der Band einfügt. Titel wie „Rough and Twisted“ und „Divine Intervention“ greifen den Sound der kommerziell erfolgreichsten Phase der Band in den 1970er-Jahren auf und verbinden ihn mit einer spürbaren Energie und Spielfreude. Auch zwei Coverversionen finden unter den 14 Tracks ihren Platz: Amy Winehouses „You Know I’m No Good“ und eine reduzierte, akustische Interpretation von Chuck Berrys „Beautiful Delilah“, einem Song, den die Stones bereits 1964 spielten. Die eigentlichen Höhepunkte des Albums sind jedoch die neuen Eigenkompositionen von Mick Jagger und Keith Richards, bis auf das ausufernde „Back in Your Life“, das sich etwas zu sehr in seiner Laufzeit verliert. Die Songs entfalten jene Mischung aus Dreck, Eleganz und unwiderstehlichem Groove, die die Stones in den 1970er-Jahren zur größten Rockband der Welt machte. Die Chemie zwischen Jagger und Richards wirkt dabei erstaunlich frisch. Man hört einer Band zu, die sich ihrer Stärken bewusst ist und diese ohne übertriebene Selbstinszenierung ausspielt. Auch die prominenten Gäste wie Paul McCartney und Robert Smith fügen sich unaufdringlich ins Klangbild ein, ohne den Songs die Schau zu stehlen.
Andrew Watts zeitgemäße Produktion verleiht dem Album Kraft und Transparenz, wirkt stellenweise aber fast zu makellos, zu perfektioniert. Gerade dort, wo früher Schmutz, Ecken und Kanten den Reiz der Stones ausmachten, dominiert heute gelegentlich ein moderner Hochglanzsound. Dennoch überwiegen die Stärken deutlich. So ist „Foreign Tongues“ kein revolutionäres Album – und es will auch keines sein. Stattdessen liefern Mick Jagger, Keith Richards, Ronnie Wood & Co. mit ihrem 25. Studio-Album eine Sammlung souveräner Rocksongs ab, die ihre Handschrift konsequent fortschreiben. Mehr als 60 Jahre nach ihrer Gründung beweist die Band erneut, dass sie ihren ureigenen Sound noch immer mit Leben füllen kann. Das Ergebnis ist eines der stärksten Spätwerke ihrer Karriere und ein weiteres überzeugendes Kapitel einer außergewöhnlichen Diskografie. (Polydor) P.Ro
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