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Bella Wakame

Kritik zum Konzert am 13. Mai im Ostentor-Kino

Das neutönende Glück in der Endlosschleife: Das Elektronikduo begeistert das hochkonzentriert lauschende Publikum

Wer den Begriff „Popmusik“ hört, hat logischerweise die USA und Großbritannien im Kopf. Denn der Großteil dessen, was seit den 1950er Jahren in Sachen Rhythm’n‘Blues, Rock’n’Roll und Beat auf Single oder LP erschienen ist und Teenies zum Kreischen brachte (oder immer noch bringt), stammt aus diesen beiden, obendrein durch die gemeinsame Sprache vereinten Kulturen. Dass Deutschland aber zumindest für das Genre der „Elektronik“ (und damit auch für all das, was seit den 1980er Jahren „Synthiepop“ genannt wird) einen unverzichtbaren Beitrag leistete, dieser Aspekt droht bei solchen Pauschalbetrachtungen allzu oft ins Hintertreffen zu geraten. So entpuppen sich nämlich in der Nachbetrachtung Namen wie Karlheinz Stockhausen oder das 1953 vom WDR gegründete „Studio für Elektronische Musik“ und damit die Städte Düsseldorf und Köln als jene zentralen Keimzellen, die mit ein wenig Zeitverzögerung (in der Sprache der Elektronik: ein „Delay“ also!) Schüler und Adepten wie Kraftwerk, Can oder Neu! dazu inspirierte, die gute alte Rockgitarre links liegen zu lassen. Und neutönendes Glück zu finden, im wellenförmigen Klangbild der Oszillatoren.

Ganz in dieser Tradition verorten sich auch der Elektroniker Florian Zimmer und sein Drummer Andi Haberl, die sich als Duo „Bella Wakame“ nennen: Denn was die beiden, die aus Weilheim stammen und in Berlin leben, da während rund 70 Minuten ihrem hochkonzentriert lauschenden Publikum im nicht ganz ausverkauften Ostentorkino bieten, das hat sehr viel mit jener Art von Zukunftsvision der „Future Days“ zu tun, die Can schon 1973 musikalisch auf ihrem fünften Album heraufbeschworen. „Mein Groove bei unserer Zugabe, der ist komplett von Jaki Liebezeit übernommen“, gesteht Andi Haberl. Er sagt das weder schuldbewusst noch reumütig, sondern sehr selbstbewusst: Denn die Übernahme guter Ideen anderer, die sodann in neuem Kontext präsentiert werden, ist als „Samplen“ eine seit Jahrzehnten geübte Praxis in der Elektronik. Nur, dass Andi Haberl, der seit 2007 auch bei The Notwist hinter der Schießbude sitzt und auch schon mit Jazzlegenden wie Bobby Hutcherson kooperierte, sich selbstredend auf seine eigenen Hände und Füße verlässt, wenn er zu trommeln beginnt. Der, dem er nacheifert, der 2017 im Alter von 79 Jahren verstorbene Jaki Liebezeit also, das war einer jener stillen Stars, der weltweit Legendenstatus genoss: Weil er über eine uhrwerkhafte metrische Präzision verfügte und so repetitive Rhythmen ins scheinbar Unendliche zu erweitern vermochte. Diesem Vorbild nachzueifern vermag nur derjenige, der bereit ist zu unermüdlicher Hingabe, zu großem Fleiß und zu harter Arbeit.

Florian Zimmer wiederum ist der Herr über ein verkabeltes Durcheinander, das mit seinen bunten LED-Leuchten und den vielfarbigen Kabeln eher an jene Art von Experimentierkästen erinnert, mit dem sich Teenager bei „Jugend forscht“ bewerben. Aber so sieht das aus, wenn man sich rund ein halbes Jahrhundert nach Can einer gewissen Art der historischen Aufführungspraxis in Sachen Elektronik verpflichtet sieht. Denn die modularen Synthesizer-Sounds, die Florian Zimmer seinen Bauteilen entlockt, sie sind das Gegenteil des erdenden und dem Takt des menschlichen Herzschlags folgenden Schlagzeugspiels: Sie sind nicht nur sphärisch, sie definieren auch den Weg in jenen Raum, der als Folge des „Space Race“ in den 1960er Jahren erobert worden war. Womit sich die Menschheit flugs des letzten aller Sehnsuchtsorte beraubte. Genau an solche Überlegungen scheint dieses fulminante Konzert von Bella Wakame anzudocken: Weil in der radikalen Abstraktion vielleicht der letzte Trost liegt, für eine Spezies, die sämtliche Grenzen austestet.

Und noch eine Pointe am Schluss: Während der Rezensent beim abschließenden Gespräch mit den beiden Künstlern die verblüffende Synchronizität zwischen den auf der Leinwand laufenden Visuals und der Musik lobte, winkt Andi Haberl nur ab: „Wir haben davon gar nichts mitbekommen. Das hat alles Martin Haygis vom Ostentorkino in Eigenregie erledigt!“ Für die optische Inszenierung des Klangs zeichnet also als Dritter im Bunde ein Regensburger mit. Auch das will gelernt sein! (Peter Geiger)