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Gert & Uwe Tobias

Lovis-Corinth-Preisträger 2026

Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Anlässlich der Auszeichnung mit dem Lovis-Corinth-Preis 2026 geben Gert & Uwe Tobias Einblicke in ihr innovatives Schaffen von internationaler Bedeutung. Die Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg entführt in ihren unverwechselbaren, vielschichtigen Bildkosmos voller rätselhafter Figuren und surrealer Formen. Zu sehen sind neben den berühmten großformatigen Farbholzschnitten – dem Markenzeichen des Künstlerduos – Collagen, Schreibmaschinenzeichnungen und Keramikplastiken. Mit Farbakzenten und Wandmalereien haben die beiden Brüder auch das Museumsfoyer gestaltet. Im Mittelpunkt steht hier der eigens angefertigte Holzschnitt, das Plakatmotiv der Ausstellung. Die Schau wurde am Freitag, 8. Mai eröffnet und ist bis zum 27. September zu sehen. Rund um die Kunst von Gert & Uwe Tobias plant das Museum ebenfalls das Programm während der REWAG-Nächte 2026.

Gert & Uwe Tobias im von ihnen gestalteten Museumsfoyer, Ausstellung „Gert & Uwe Tobias. Lovis-Corinth-Preis 2026“,

Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Foto: KOG/Stefanie Heske

Mit ihrer Kunst erschaffen Gert & Uwe Tobias (geb. 1973 in Brașov, Rumänien) eine originelle, kreative Bildwelt von bestechender Ästhetik. Die Formensprache des Künstlerduos entfaltet sich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Vertrautes und Befremdliches verbindet sich in ihren Werken und regt die Fantasie der Betrachtenden an. Bekannt wurden die Künstler durch großformatige Farbholzschnitte. Ihr Repertoire umfasst jedoch eine große Bandbreite an künstlerischen Techniken wie Collagieren, Zeichnen mit der Schreibmaschine oder Modellieren mit Ton. Die Collage bedeutet für die beiden Künstler jedoch mehr als das Kombinieren verschiedener Fragmente zu einem neuen Ganzen. Sie beschreibt vielmehr das Prinzip ihres künstlerischen Prozesses. „Die erste Collage besteht aus uns beiden,“ betonen die Zwillingsbrüder. Seit rund zwanzig Jahren arbeiten sie gemeinschaftlich. Dabei gestaltet jeder seine eigenen Werke. Vielfach inspirieren sie einander, greifen gegenseitig Ideen auf und führen sie fort. Das Spannungsfeld von Anregung, konstruktiver Kritik, aber auch von Konkurrenz scheint der Schlüssel zur Ausdrucksstärke der Kunst von Gert & Uwe Tobias zu sein. Die fertigen Kunstwerke tragen beide Signaturen. Inspiration schöpft das Künstlerduo gerne aus einem gemeinsamen Fundus an vorgefundenem Bildmaterial. Die Quellen sind vielfältig: von der Folklore und Volkskunst, nicht nur ihrer siebenbürgischen Heimat, bis hin zu Werken der Kunstgeschichte. Das collageartige Zusammensetzen von Einzelteilen liegt auch der innovativen Holzschnitttechnik der Brüder zu Grunde, die sie für ihre Bedürfnisse entwickelten: Anstatt das Motiv in eine Platte zu schneiden, zersägen sie diese mit einer speziellen Dekupiersäge in einzelne Formen. Beim Abdrucken bauen sie die Komposition schließlich wie ein Puzzle auf. Dabei entstehen flächige Farbstrukturen von malerischer Qualität.

Ausstellung „Gert & Uwe Tobias. Lovis-Corinth-Preis 2026“, Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Gert & Uwe Tobias © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Uwe Moosburger, www.altrostudio.de

„Vordergründig überzeugen die Arbeiten von Gert & Uwe Tobias mit ihrer ästhetischen, oft plakativen Bildsprache, die scheinbar leicht zu lesen ist,“ beschreibt Dr. Sebastian Schmidt, der die Ausstellung als Kurator zusammen mit den beiden Brüdern erarbeitet hat. „Doch auf den zweiten Blick stößt man auf irritierende Elemente, die unseren Sehgewohnheiten zuwiderlaufen. Schnell wird klar, dass sich der Inhalt keinesfalls leicht erschließt, sondern letzten Endes ein Rätsel bleibt. Der Verzicht auf Bildtitel verstärkt diesen Effekt natürlich. Diese Spannung macht die Kunst von Gert & Uwe Tobias so anziehend und interessant,“ erklärt der Kunsthistoriker.

Gert & Uwe Tobias bezeichnen sich selbst als „Bildermacher“. In diesem Sinne ist es ihnen wichtig, die Ausstellungsräume nicht nur mit ihren Kunstwerken zu füllen, sondern als Ganzes zu betrachten. So entwickelten sie für die Regensburger Ausstellung ein maßgeschneidertes Konzept mit passender Gestaltung. Das Herzstück ist das Museumsfoyer, das sie mit Wandmalereien und dem eigens für die Ausstellung entworfenen Einladungsholzschnitt in ein Gesamtkunstwerk verwandelten. Von hier aus begibt man sich auf einen Rundgang durch die einzelnen Säle. Werke aus unterschiedlichen Schaffensphasen, darunter auch ganz neue, finden sich hier nebeneinander. Vereint unter verschiedenen Gesichtspunkten veranschaulichen sie wesentliche Aspekte ihres künstlerischen Schaffens.

Gesamtkunstwerk im Museumsfoyer

Bereits beim Betreten des Museumsfoyers findet man sich mitten in der verspielt fantastischen Bildwelt von Gert & Uwe Tobias wieder. Durch Farbakzente haben die Künstler die Architektur des achteckigen Kuppelsaals in ihr Konzept einbezogen. Im Zentrum hebt sich zwischen den schwarzen Säulen in leuchtenden Farben der große Holzschnitt ab, den die Brüder eigens für die Ausstellung angefertigt haben: rote gezackte Kreise vor wolkigblauem Hintergrund. Aufgedruckte Lettern verkünden den Anlass der Ausstellung „lovis corinth preis 2026“. Links und rechts öffnen sich ebenfalls schwarz umrahmte Durchblicke auf Malereien an den Wändendahinter. Aus den Saalecken heraus verbreiten sich schwarze Umrisse über die weiße Fläche. Viele der Details – Tierisches, Pflanzliches, Gesichter – begegnen, genauso wie die Elemente des Holzschnittes, in den folgenden Räumen wieder. Eine Fülle an Collagen und Zeichnungen vermittelt im ersten Saal eine Vorstellung davon, wie Gert & Uwe Tobias im Atelier vorgehen. Immer zur Hand haben sie eine umfassende Sammlung an Reproduktionen unterschiedlichster Herkunft. Daraus entnommene Einzelteile kombinieren sie mit Fragmenten eigener Werke, ergänzen sie durch Zeichnungen, Gemaltes und Gedrucktes. Manches Mal binden sie auch Holzelemente ein, die sonst beim Druckverfahren Verwendung finden. Die beiden Künstler lassen sich vom schöpferischen Prozess leiten und überraschen. Brüche, skurrile und surreale Situationen, Humorvolles und Rätselhaftes, das sich dabei ergibt, macht das Wesen ihrer künstlerischen Aussage aus. Zu einmal gefundenen Formen kehren sie zurück und entwickeln sie weiter.

Das von Gert & Uwe Tobias gestaltete Museumsfoyer, Ausstellung „Gert & Uwe Tobias. Lovis-Corinth-Preis 2026“,

Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Gert & Uwe Tobias © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Uwe Moosburger, www.altrostudio.de

Abstrakt und gegenständlich

Abstraktes und Gegenständliches gibt es im Schaffen von Gert & Uwe Tobias gleichermaßen, wobei die Grenze fließend bleibt. Große Holzschnitte der frühen Werkgruppe „Die Mappe“ (2009), noch auf Papier gedruckt, zeigen einfache Formen über einem Raster aus Quadraten. Diese Struktur geht auf volkstümliche Stickvorlagen zurück, mit denen sich die Brüder zu dieser Zeit stärker beschäftigten. Anders entstanden ist die Serie „Missing Parts“ (2022). Die tiefschwarz grundierten Leinwände haben die Brüder mit Holzvorlagen bedruckt, die teilweise für andere Werke vorgesehen waren. In den jüngsten Arbeiten begegnen die ausgesägten Pappelholzplatten, die sonst zum Drucken verwendet werden, in Reliefs. Eine Dame mit üppiger Frisur, eine andere mit einer altertümlichen Haube, drei Gestalten, zwischen denen sich eine Geschichte abzuspielen scheint: Man fühlt sich an Figurenszenen aus der Kunstgeschichte erinnert. Diese Anlehnung an klassische Bildgattungen wie Porträt, Historienbild oder Stillleben lässt die Bilder vertraut wirken. Doch die ornamental entfremdeten Figuren und Gegenstände sind schwer zu deuten. Drei Zeichnungen ähneln entfernt den geschwungenen Linien der Damenporträts. Geschickt gesetzte Punkte wecken den Anschein von Augen und Gesichtern. Dieses Spiel an der Schwelle zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit treibt das spontan beim Ausstellungsaufbau entstandene Objekt „Vogel“ weiter, eines der wenigen Werke, das einen Titel trägt. Am Anfang der Karriere von Gert & Uwe Tobias stand dieses Projekt: „come and see before the tourists will do – the mystery of transylvania“ (2004–2009). Die Brüder greifen das Dracula-Klischee auf, das oft als Assoziation zu ihrer Heimat Siebenbürgen, auch Transsylvanien genannt, begegnet. Die von dem irischen Schriftsteller Bram Stoker erfundene Figur beflügelt bis heute insbesondere die Pop-Kultur. Ausgestellt sind 31 Schreibmaschinenzeichnungen. Darin fließen Titel verschiedener Dracula-inspirierter Horrorfilme ein. Sie sind nicht einfach getippt, sondern als Bilder aus den Lettern zusammengestellt. Die beiden Künstler reizen die beschränkten Möglichkeiten ihres „Zeichenwerkzeugs“ aus. Ebenso entstanden die Figuren auf einigen der Blätter. Manche davon sind Anspielungen auf massive Betonskulpturen, die in Rumäniens sozialistischer Ära an Ortseingängen errichtet wurden. Schwarz unterlegt bekommen Leerstellen, die durch das Ausschneiden von Motiven entstanden, eine neue Qualität und Bedeutung. Immer wieder begegnet dieses Phänomen in den Werken von Gert & Uwe Tobias. Im sogenannten Gartensaal wird es in den Mittelpunkt gerückt. Der schwarze Umriss einer fehlenden Stuhllehne wird in Verbindung mit dem Gesicht einer Dame zu deren Hinterkopf. Ein ähnlicher Vexiereffekt wie bei dieser Collage ist auf dem großen Holzschnitt an der Stirnwand zu beobachten: Ein schwarzer Schatten entpuppt sich als Silhouette eines verzierten Schrankes. Die Präsentation der Keramikplastiken auf schwarzen Kreisen folgt dem gleichen Prinzip. Sowohl die Masken an der Wand als auch die vasenartigen Gefäße, ebenfalls mit Köpfen versehen, heben sich in ihren Pastelltönen von der dunklen Fläche ab. Die zuckergussartige Fassung kontrastiert zugleich mit der schaurigen Fratzenhaftigkeit der Gesichter

Zwischen zwei Polen

Das Konzept der Ausstellung gipfelt im Großen Saal. Der Raum ist offensichtlich zweigeteilt. Eine Hälfte bespielen sechs aufeinander bezogene Stillleben mit klaren Formen und kräftigen Farbtönen. Bäume, Pflanzen, Blüten, Insekten, Vögel, Schnecken – eine heile Welt, beinahe dekorativ, so der erste Eindruck. Beim näheren Betrachten offenbaren sich jedoch weitere Bedeutungsebenen der Bilder: Leben und Tod liegen hier eng beieinander. Eine Dreiergruppe von Figuren-Vasen mit Trockenblumen spiegelt das Vergänglichkeitsthema dieser Holzschnitte. Auf der anderen Seite überwiegen Motive in gedämpften Tönen, aus deren wolkenartigen Strukturen hin und wieder einzelne Lettern oder Pfeile auftauchen. Wie bei den Schreibmaschinenzeichnungen geht es hier weniger um die eindeutige Lesbarkeit der Zeichen als um deren visuelle Wirkung. Einen Höhepunkt erreicht die formale Auflösung im größten Werk an der Stirnseite, einem vier Meter hohen Wolken-Holzschnitt. Die Keramikplastik, die vor diesem Bild in Gestalt eines stilisierten Vogels aufragt, scheint sich in Richtung des Wolkenhimmels zu erheben.

Der Lovis-Corinth-Preis

Der Lovis-Corinth-Preis des Kunstforums Ostdeutsche Galerie ehrt herausragende und international ausstrahlende Künstlerinnen und Künstler, die aus den ehemals deutsch geprägten Gebieten im östlichen Mitteleuropa und in Südosteuropa stammen. Ferner würdigt er das Kunstschaffen, das in Reflexion über die historischen deutschen Kulturlandschaften entstanden ist oder sich auf die Gegenwartskunst im östlichen Mitteleuropa und in Südosteuropa bezieht. Benannt ist die Auszeichnung nach Lovis Corinth (Tapiau/Ostpreußen 1858–1925 Zandvoort/Niederlande), dessen Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken einen wesentlichen Sammlungsschwerpunkt des Regensburger Museums darstellen. Als einer der ältesten Kunstpreise Deutschlands wurde der Lovis-Corinth-Preis erstmals durch die KünstlerGilde e. V. 1974 im Kunstforum Ostdeutsche Galerie (damals: Ostdeutsche Galerie) dem expressionistischen Maler der Künstlervereinigung Die Brücke, Karl Schmidt-Rottluff, zugesprochen. Die Auslobung findet seit 2016 allein durch das Kunstforum Ostdeutsche Galerie oder in Kooperation mit wechselnden Partnern statt. Preisträgerin 2024 war die polnische Konzept- und Performancekünstlerin Ewa Partum.

Fotokredit: KOG