Ganz bestimmt ist Hans Christian Andersen nicht der erste Schriftsteller gewesen, der einer literarischen Figur Fähigkeiten zur Wandlungsfähigkeit auf den Leib schrieb. Aber: Sein „Hässliches Entlein“, es hat die knapp 200 Jahre, die es nun schon als papierener Geist existiert, ziemlich optimal genutzt. Es gelang ihm, sich gleich mehrfach mit Hilfe von Disney Zeichentricks hochzuspielen, auf die Kinoleinwand. Und es mauserte sich auch zum geflügelten Wort, das selbst in Zeiten politischer Korrektheit ganz gute Überlebenschancen haben dürfte, betont es doch gerade das Chancenpotential, das von jedermann gehoben werden kann. So hat sich diese schnatterhafte Wesen auch die Pole-Position gesichert, im Figurenpool all der positiven Metamorphosen, die die Weltliteratur zu bieten hat.
Dass sich Klaus Schwarzfischer, der sich als Künstler und Schriftsteller gerne hinter seinem Pseudonym Schwafi versteckt, nun dieses romantischen Kunstmärchen-Stoffs angenommen hat, kommt nicht ganz von ungefähr. Hat er doch mit „Max und Moritz“ und dem „Struwwelpeter“ schon zwei bewährte und gut abgehangene Pädagogikklassiker ins Bayerische übertragen. Mit „A greislichs Anterl“ freilich betritt er jetzt insofern Neuland, als er seiner Leserschaft gleich ein doppeltes Angebot unterbreitet: Denn wer partout „Nein!“ schreit, wenn’s um Dialekt geht, darf auf Schwafis synoptisch unterbreitete Abhilfe vertrauen: Denn er übersetzt nicht nur seine einleitenden Worte „Wal’s oam vo Haus aus besser geht / wenn ma vom Nixdo wos verschteht“ sogleich allgemeinverständlich in der Parallel-Spalte ins Hochdeutsche, so dass sich jedes „Goasgschau“ verbietet und man schriftsprachlich „extrem entspannt und Strohhalm kauend“ abgeholt wird. Der Rezensent selber hat sich vor allem in die bayerische Variante verliebt: Weil sich Schwafi, der gebürtige Rodinger, seinerseits von der Dynamik der Idiomatik seines Zungenschlags tragen lässt. Denn während die Erstgeschlüpften alle „bumperlgsund“ sind, sorgt der „Rest vom Schützenfest“ – jenes Ei also, das „awl no ned ausbreyt woa“ („In der Tat ein dickes Ei – Oh Gott es ist noch nicht vorbei“) für Probleme. Denn kaum ist es geschlüpft, erregt es Missfallen. Und sein Mutter fragt sich: „Sie sagt nix, owa fragt se schtad, ob se des Kind ned leichter dad, wenns ned so grau und graupert war. Wer schee is, hods ned goa so schwar!“
Wer den Text kennt, weiß: Weder ein Krokodil noch ein Kuckuck ist’s, was hier ausgebrütet wurde, sondern ein Schwan. Und der ist nun mal in seiner ersten Phase „So plump, so grau, so dick, so schwer. Fast hässlich – Stopp, das ist nicht fair!“ Als Mit- und Gegenspieler an seinem Textteich (also als „Anterlgonisten“ im wahrsten Wortsinn) hat sich Schwafi auch dieses Mal wieder seinen alten Kumpel Andreas Hanauer ins Boot geholt. Und dieser Multibegabte zeichnet wieder verantwortlich, für die wunderbaren Illustrationen verantwortlich. Mit sicherem Strich verleiht er dem hier versammelten Zoo groteske Züge – was die ohnehin schon recht anregende Lektüre zusätzlich zum Kunstgenuss erhebt. Ach ja: Ob das jetzt eher was für Kinder ist? Oder auch für Erwachsene? Am besten und im Duo wohl: für beide. Weil gerade das gemeinsame Lesen begriffsstutzige Hornochsen verwandeln kann, in blitzgescheite Eulen! (Peter Geiger)


