Vom „Vogerl“ Glück und der Eroberung des Freistaats: Norbert Schneider, der Wiener Meister des Dialekt-Soul, erlebt im ausverkauften Münchener Schlachthof vor dem Hintergrund der Sicherheitskonferenz seine persönliche Zeitenwende. Das Publikum war in großer Zahl erschienen, um zu erleben, wie er zwei Stunden lang mit seiner Band eine perfekt geschichtete musikalische Mannerschnitte in Szene setzt.Dass das Glück ein Vogerl ist, davon weiß der tief im Wienerlied ebenso wie im Blues verankerte Singersongwriter Norbert Schneider ein Lied zu singen: Zwar ist ihm der Erfolg innerhalb der rot-weiß-roten Grenzen ganz gewiss – drei Auszeichnungen bei den Amadeus Awards bekunden dies. Aber hier im dialektal gar nicht so weit entfernten Bayern, da ringt er seit Jahren trotz Erfüllung höchster Qualitätsstandards darum, auf Augenhöhe mit Künstlern wie Voodoo Jürgens oder 5/8erl in Ehr’n zu gelangen. Denen gelingt’s meist spielerisch, auch hier bei uns in Regensburg die Häuser oder die Open-Air-Arenen zu füllen. Als Norbert Schneider vor eineinhalb Jahren im Innenhof des Thon-Dittmer-Palais gastierte, da klaffte im hinteren Bereich ein großes Loch. Viele der Stühle waren leer geblieben – trotz begeisternder Performance. Wer jetzt aber am Samstagabend im Schlachthof in München zu Gast war, wurde Zeuge einer Zeitenwende. Dass das Publikum aus dem Häuschen war, das ist bei Norbert Schneider ja schon immer so gewesen. Aber auch der Saal war restlos ausverkauft. Jetzt könnte man sagen: Wer München erobert, hat auch die besten Chancen, den Rubikon zu überqueren – und zwar in Gestalt von Inn und Lech, von Donau und Main!

Auch wenn also die Qualität dieses 1979 in Wien geborenen Bluesgitarristen und Sängers mit Songwriterqualitäten nie zur Disposition stand, es lohnt sich trotzdem, einen genaueren Blick auf seine Rezepturen zu werfen. Für den metaphorischen Vergleich drängen sich die sattsam bekannten „Manner Schnitten“ auf: Denn seit Jahren schon – Neulingen seien die beiden Alben „Schau ma mal“ (2013) und „Entspannt bis auf die Knochen“ (2015) zum Kennenlernen empfohlen – vereint Norbert Schneider das Knusprige und das Süße. Auf seine Blues-Shuffle-Waffel schichtet er eine Creme aus Haselnüssen und Kakao, bestehend aus süßesten Dialektkompositionen. Mir selbst begegnete Norbert Schneider erstmals im Jahr 2016 – da wurde seiner „Neuaufnahme“ überschriebenen Hommage an Georg Danzer im Kultursender ö1 eine Radio-Sendung gewidmet. Und ich weiß noch: Ich war sogleich hin und weg! Weil ihm da auf LP-Länge fast Unglaubliches gelungen war. Nämlich der 2007 im Alter von 61 Jahren viel zu früh an Lungenkrebs verstorbenen Austro-Pop-Legende ein Denkmal der Extraklasse zu errichten, das sich nicht nur aufs Kopieren beschränkte. Sondern das einen generalüberholten und hochglanzlackierten Danzer vorführte, in ganz eigener Ausdrucksweise. Norbert Schneider ging dabei wie ein Autoschrauber vor, der ein historisches Gefährt zunächst völlig auseinandernimmt, all die in die Jahre gekommenen und mitunter korrodierten Einzelteile in Öl badet, um sie sodann neu zusammenzusetzen und um eigene Komponenten zu ergänzen. Als Anspieltipp reicht der Verweis auf „Traurig aber wahr“: In seiner Neuinterpretation ersetzte er in maximal überzeugender Weise das Danzer’sche Pathos (das im speziellen Fall sehr belehrend und mit erhobenem Zeigefinger daherkam) durch die Spiritualität des Soul. Und mit einem Fingerschnipp war dieser engagierte Liedermacher-Edelstein umgewidmet zu einer Ballade der Extraklasse. Die sehnt sich übrigens eine Frau mit lauter Stimme im Schlachthof herbei – aber Norbert Schneider begegnet dieser Forderung mit charmantem Schmäh und verweist darauf, dass dieser Abend kein Wunschkonzert sei. Nein, das Wunschkonzert fürs Publikum erfüllt sich auf genau jene Weise, indem die Band souverän die Führung übernimmt und mittels fein austarierter Playlist wie beim Paartanz den Takt vorgibt. Und so das Gegenüber in schwärmerisches Schwelgen versetzt, mit viel Abwechslung auch durch zwei Instrumentals vom aktuellen Album.

Sie eröffnen mit „I meet you in my Dream“ – einem Song aus jenen Tagen, als Norbert Schneider noch englischsprachig versuchte, die Karriereleiter emporzuklettern. Und leiten dann über zum programmatischen „Immer schee draubleim“, einer in balkaneskem New Orleans-Style daherkommenden Up-tempo-Nummer, die all den Ehrgeiz und die Motivation des Bandleaders in dem Satz „Aufstehen hat sich noch ollaweil auszahlt“ zusammenfasst. Was bislang noch gar nicht erwähnt wurde: Zum einen ist die Band ganz formidabel, in der an diesem Abend mit Roland Guggenbichler ein Kurt Ostbahn-Veteran an der Hammond-Orgel sitzt. Hinzu kommt, dass sich Norbert Schneider mit Alexander Horstmann und Tini Kainrath zwei Backgroundsänger leistet, die gerade dann in Vielstimmigkeit glänzen, wenn das Ensemble jene Gospeltöne anschlägt, die auf dem 2023er Album „Ois paletti“ in den Fokus gerückt waren. Ganz neu – jedenfalls für den aus Regensburg angereisten Gast – im Programm ist das gleichermaßen zeitdiagnostische wie mitreißende „Feuer am Dach“. Darin wird die Sehnsucht nach einer ordnenden Hand für diese chaotische Welt, die zuletzt beim Gospel noch angeklungen war, beantwortet mit dem Satz: „Da Herrgott is in Urlaub gfahrn!“. Tja, so schaut’s aus, an diesem Abend auf dieser Bühne, die das Weltgeschehen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Sicherheitskonferenz und zur Riesendemo gegen das Mullah-Regime in authentischer Weise thematisiert – und dabei doch nicht abdriftet in grenzenlosen Pessimismus. Sondern emotional dagegenhält, mit den Heilkräften dieser Melange, die zuletzt in der „Süddeutschen Zeitung“ als „Riesenrad-Blues“ bezeichnet wurde. Ein Bild, das deshalb einleuchtet, weil diese den Prater (und seine circensischen Gegenwelten) herbeizitierende Vorstellung die Akrobatik des Gitarrenvirtuosen Norbert Schneider betont wie auch die Tatsache, dass er mit seiner Band an den ganz großen musikalischen Rädern dreht. Was im Übrigen gerade darin gipfelt, dass er mit seiner aktuellen Instrumental-LP „Guitar speaks“ auf Platz 9 der Austrian Artist Charts in der Kategorie „Longplayer“ rangiert. Ein Wunder? Ja, logisch! Das hoffentlich bald wieder in Regensburg Station macht! Und zwar vor ganz viel Publikum! (Peter Geigeer – Text/Fotos)



