Rockfans ist er als exzellenter Gitarrenvirtuose bekannt – Paul Gilbert, vor allem durch seine Bands Racer X und Mr. Big, aber auch seine Solo-Alben. Jetzt legt er mit „WROC“ ein ganz besonderes Album vor, denn „WROC“, kurz für „Washington’s Rules of Civility“, könnte durchaus das bisher ausgefallenste Werk des Gitarren-Superstars sein. Mit George Washingtons Regeln der Höflichkeit als konzeptionellem Leitbild hat sich Gilbert getraut, über den Tellerrand hinauszuschauen und einen Etikette-Leitfaden aus dem späten 16. Jahrhundert als Hauptinspirationsquelle zu nutzen.
Die Idee für das Album kam ihm auf dem Heimflug von der letzten Show der Abschiedstournee von Mr. Big, bei der sich die Gruppe vor ausverkauftem Haus in der Budokan Arena in Tokio verabschiedete. „Ich weiß nicht, warum mir das in den Sinn gekommen ist“, zuckt er mit den Schultern. „Aber ich liebe es, Melodien anhand von Texten zu komponieren. Ich glaube, ich war auf der Suche nach meinem eigenen Bernie Taupin – der alle Texte für Elton John schreibt. Neil Peart ist ein weiteres Beispiel, da er die Texte für Rush geschrieben hat, während Alex Lifeson und Geddy Lee die Musik komponiert haben. Ich wollte meinen eigenen Bernie oder Neil finden, denn obwohl ich schon Texte geschrieben habe, ist das nicht wirklich mein Lieblingsaspekt des Prozesses. Also habe ich George Washington zu meinem Bernie Taupin gemacht!“ Bei weiteren Nachforschungen stellte sich heraus, dass der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika lediglich eine englische Übersetzung der „Rules Of Civility & Decent Behavior In Company And Conversation” als Schulaufgabe kopiert hatte und so unbeabsichtigt zu ihrem bekanntesten Autor wurde. Die Ursprünge des Werks lassen sich jedoch noch weiter zurückverfolgen, bis zu einem französischen Etikette-Handbuch aus dem Jahr 1595, das von den Jesuiten verfasst wurde. Als jemand, der die Rolle der E-Gitarre in der Rockmusik maßgeblich geprägt hat, weiß Paul Gilbert genau, welche Regeln zu befolgen sind – und wann man sie brechen kann. Bei Mr. Big war er für bahnbrechende Pop-Rock-Hymnen verantwortlich, mit denen die Band die Charts stürmte und weltweit in den Arenen auftrat. Bei Racer X reizte er die E-Gitarre bis an ihre Grenzen aus und schlug eine eher metallische Richtung ein, wobei er Zuhörer und Publikum damit faszinierte, wie seine Kompositionen gleichzeitig technisch so aufregend und musikalisch so geschmackvoll sein konnten. Als Solokünstler hat er sowohl instrumentale als auch vokalgeprägte Klanglandschaften durchlaufen, die von Blues, Klassik und Jazz bis hin zu geradlinigem Rock reichen.
Für Gilbert war es also eine spürbare Begeisterung, diese Richtlinien aus dem 16. Jahrhundert für die hypermoderne Gesellschaftsordnung der heutigen Welt wieder zubeleben. „Ich hatte noch nie so viel Spaß beim Song schreiben in meinem Leben!“, gibt er zu. Die 13 Tracks für das Album wurden live über vier Tage in den Hallowed Halls in Portland, Oregon, aufgenommen, mit Nick D’Virgilio am Schlagzeug, Doug Rappoport an der Gitarre und Timmer Blakely am Bass. Paul nahm zu Hause zusätzliche Gesangsparts auf, um die Tracks zu verfeinern, aber die Kernenergie stammt vom gemeinsamen jammen der Live-Band. Den Auftakt macht „Keep Your Feet Firm And Even” (Bleib standhaft und gleichmäßig), das auf einer Regel von Washington basiert, die Paul persönlich als Herausforderung empfindet. In dem mit Hooks gespickten „Speak Not Evil Of The Absent” (Sprich nicht schlecht über Abwesende) formt Gilbert einzigartige Formulierungen, um eine Regel zu vermitteln, die mittlerweile 430 Jahre alt ist. Bei „Go Not Thither“ kombiniert er pulsierende Vibrationspedale mit majestätischen Harmonien, klassischen Metal-Riffs und ZZ Top-Boogie-Blues. Über den Song sagt Gilbert: „Vor Hunderten von Jahren müssen alle Menschen herumgelaufen sein und gegen den Boden getreten haben. Sie traten so oft gegen den Boden, dass eine Regel erfunden werden musste, um dem ein Ende zu setzen! Eine andere Regel in dem Song, „Play not the peacock“ (Spiele nicht den Pfau), ist schwieriger zu befolgen. Ich weiß das, weil ich es nicht lassen kann, Gitarrensoli zu spielen, während ich einen Dreispitz trage.“ „Einige dieser Regeln sind leicht zu befolgen, andere hingegen … Ich weiß nicht, ob ich sie jemals einhalten könnte! Aber es ist auf jeden Fall erstrebenswert, über sie nachzudenken“, sagt Paul. „Ich freue mich sehr darauf, diese Musik live zu spielen und zu sehen, wie sie den Leuten gefällt“, fügt Gilbert hinzu. „Ich würde sagen, WROC ist eines der musikalischsten und hörenswertesten Alben, die ich je gemacht habe. Es ist viel mehr als nur Gitarrenriffs, die aus meinen Fingern kamen. Die Musik entsprang meinem Sinn für Melodien. Ich genieße diese reine Verbindung immer mehr. Ich habe das Gefühl, dass dies die erfolgreichste Reise zu meinem inneren Melodiengenerator war … dank der Inspiration von George Washington. Insgesamt war der Prozess sehr angenehm, und diese Freude kann man in den Tracks hören.“
Er mag in der Vergangenheit eine Akku-Bohrmaschine für supersonisches Tremolo-Picking eingesetzt und mit einem Slide die Stimme von Ronnie James Dio heraufbeschworen haben. Dennoch ist diese neueste Aufnahme der Sound eines Musikers, der sich trotzig neue, unbekannte Horizonte erschließt – für sein erstes Vokalalbum seit „I Can Destroy“ aus dem Jahr 2016. Paul Gilbert macht aus George Washingtons „Rules of Civility“ elektrisierende Rockhymnen – eine Mischung aus Humor, Geschichte und virtuosem Gitarrenspiel. Mit eingängigen Grooves und coolen Melodien verwandelt er altweltliche Manieren in modernes musikalisches Feuer. Virtuos, geistreich und unverkennbar Paul Gilbert. (Music Theories Recordings) P.Ro
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