Eine normale Sängerin will sie gar nicht sein. Sagt Leїla Martial über sich selbst und zeigt auch gleich ihr Besonderes, ihren vokalen Freiheitsdrang, im wunderschönen Theater von Regensburg, beim bezaubernden Auftaktkonzert der vierten Ausgabe von „Sparks & Visions“, dem von Anastasia Wolkenstein immer mit viel Liebe und Überzeugung kuratierten, dreitägigen Jazzfestival in der zwischen Nürnberg und München gelegenen Domstadt. Da klingt die Französin mal verspielt, mal tragisch, mal klassisch komisch oder wie bei einer rituellen Beschwörung. Mal singt sie zart Poetisches, um dann mit ihrer so facettenreichen Stimme wieder zu improvisieren. Mit Sounds und Silben. Und neben ihr sitzt Landsmann Valentin Ceccaldi, der seinem Cello verblüffende Klänge entlockt und dabei wie ein Mini-Orchester klingt. Mit ergreifender Intensität. Und was diese zwei als Duo Fil in Regensburg aus dem alten Jazzstandard „Old Country“ in ihrer minimalistischen Version machen, die erst zart beginnt und dann in exaltiertem Wahnsinn mündet, ist einfach nur genial.
Ganz anders präsentiert sich anschließend Nitai Hershkovits in seinem Solokonzert. Der israelische Pianist spielt ganz ruhig, nach innen gekehrt. Es geht bei ihm nicht um Virtuosität, sondern um ausformulierte, warme Melodien, Atmosphären und Improvisationen. Inspiriert von brasilianischer Musik oder von Molly Drake, der englischen Poetin, Musikerin und Mutter des viel zu früh verstorbenen Singer-Songwriters Nick Drake. Hershkovits´ intime schönklanglichen Meditationen auf der Bühne können auf Dauer aber auch ein wenig ermüden. Da kam sein gewitztes Cover des Elvis-Songs „Love Me Tender“ als Zugabe gerade noch recht.

Tenorsaxofonist Daniel Erdmann und sein Trio Velvet Revolution mit Geigerin Fabiana Striffler und dem britischen Vibrafonisten Jim Hart haben sich für die Festivalmatinee und ihr neues Programm mit der ausdrucksstarken serbischen Sängerin Jelena Kuljić verstärkt. Texte von Kuljić zu Musik von Erdmann, aber auch Songs der amerikanischen Band The Velvet Underground spielt dieses ungewöhnlich besetzte Quartett in ihrer Kammermusik zwischen Jazz, Impro und Art-Pop. In luftigen Songs, die von allen Beteiligten in ruhigem Fluss, aber doch auch mit betörender Virtuosität ausgemalt werden und in denen sich der Gesang von Jelena Kuljić herrlich verwebt. Anfang des kommenden Jahres wird dieses Programm beim ungarischen Label BMC auch auf Tonträger erscheinen.

Einen recht neuen Tonträger hat US-Harfenistin Brandee Younger schon jetzt vorzuweisen, aus dem sie auch in Regensburg mit ihrem Trio Titel spielt. Aber ist es immer Jazz was die New Yorkerin aus ihrem Instrument zaubert? Oder doch manches Mal eher angenehm zu lauschende Unterhaltungsmusik? Jedenfalls kann sie mit ihren Klängen, darunter auch Kompositionen von Alice Coltrane oder zum Schluss sogar Marvin Gaye, ziemlich punkten beim enthusiastischen Regensburger Publikum. Es sind ja auch angenehm zu hörende Stücke Musik, mit schön perlenden Harfenklängen, und einem jazzigen, groovig-rhythmischen Unterbau, für den Allan Mednard am Schlagzeug und Rashaan Carter auf dem akustischen und vor allem elektrischen Bass sorgen. Unterhaltsames, Leichtverdauliches zum Festivalausklang am späten Sonntagmittag – warum auch nicht.

Musik, bei der man eigentlich keine Stühle im Saal bräuchte und die zum Tanzen animiert, auch die gab es bei dieser Festivalausgabe zu hören. Dafür zuständig: der britische Sänger und Pianist Reuben James, ein Natural Born Entertainer, wie sich rasch feststellen ließ Denn der Mann kann ein Publikum auf ganz natürliche Weise und ohne dabei zu überziehen elektrisieren. James hat Charme und bekommt seine Stimme bis rauf ins Falsett in seinem süffigen, jazzigen Mix aus Soul, R&B, Reggau und HipHop. Und er hat mit dem Hamburger Silvan Strauss den richtigen Mann am Schlagzeug in seinem Quartett. Strauss pusht die Musik ordentlich mit seinen Drum-Beats. Reuben James selbst versprüht dazu die ganze Zeit eine fröhliche, unweigerlich Gute Laune machende Energie. Was für eine verführerische Mischung, die am Ende auch noch mit einer kurzen Hommage an den großen, im letzten Jahr verstorbenen US-Vibrafonisten Roy Ayers überraschte.
(Fotokredit: Michael Scheiner)


