Frau Ferrell – fürwahr eine Neuentdeckung, die es in sich hat. Sie ist eine der brillantesten jungen Koryphäen der Roots-Musik von heute und verleiht allem, was sie anfasst, eine Dosis wunderbar seltsamer Magie. Seit dem Erscheinen von »Long Time Coming« (das noch einen Tick mehr das klassische Countrysong-Feeling ausstrahlt) hat die in West Virginia geborene Singer- Songwriterin/Multi-Instrumentalistin den Emerging Act of the Year Preis bei den Americana Honors & Awards gewonnen, mit Künstlern wie Margo Price und Old Crow Medicine Show zusammengearbeitet und das Publikum in ganz Nordamerika und Europa mit ihrer temperamentvollen und schillernden Live-Performance verzaubert. Und ihr zweites Album (2024) legt noch eine Schippe Faszination drauf. Sie ist und bleibt eine Meisterin darin, Genres nicht zu mischen, sondern zu verzaubern. Auch auf ihrem neuen Album gelingt ihr dieser Trick: Country, Folk, Jazz, Vaudeville, Bluegrass – alles klingt, als würde es in einer alten, staubigen Bar irgendwo zwischen Appalachen und New Orleans gleichzeitig stattfinden. Es ist ihre Handschrift, die alles zusammenhält. Ferrells Stimme ist wieder das Zentrum – dieses leicht tremolierende, unberechenbare Timbre, das in einem Moment wie eine Straßenmusikerin aus den 1930ern klingt und im nächsten wie eine moderne Indie‑Ikone. Auf dem neuen Album wirkt sie noch kontrollierter, aber nie glatt. Sie spielt mit ihrer Stimme wie mit einem Instrument, das sie gerade erst erfunden hat. Die Arrangements sind üppig, aber nicht pompös. Fiddle, Trompete, Mandoline, Kontrabass, Steel Guitar – alles ist da, aber alles hat Platz. Ferrell schreibt Texte, die gleichzeitig märchenhaft und bodenständig sind. Sie erzählt von Sehnsucht, von Orten, die es vielleicht nie gab, und von Menschen, die man trotzdem zu kennen glaubt. Einige Songs wirken wie alte Folksongs, die man irgendwo schon einmal gehört hat – nur dass sie neu sind. Das Album ist offenbar kein Versuch, Trends zu bedienen. Es ist ein Werk einer Künstlerin, die in ihrer eigenen Welt lebt – und uns einlädt, kurz darin zu verweilen. Wer Authentizität, musikalische Handwerkskunst und eine Stimme mit Charakter sucht, bekommt hier ein Album, das lange nachhallt. (Concord) HuGe
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