So richtig aufgefallen ist Frau Ito im Jahr 2020. Da legte sie mit ihrem elfköpfigen Yumi Ito Orchestra das von der Kritik sehr positiv aufgenommene (überaus feine) Album „Stardust Crystals“ vor, auf dem sie eigene Popsongs mit Mitteln des Jazz interpretierte. Die neue Scheibe der schweizerisch-polnisch-japanischen Musikerin ist kein Album für den schnellen Konsum. Hier ist weniger mehr, der Sound ist auf Yumis beeindruckende Stimme und ein Klavier reduziert. Es verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, sich auf diese emotionale Klangreise einzulassen. Der klassisch ausgebildeten Pianistin gelingt es, mit minimalen Mitteln maximale Tiefe zu erzeugen – ein Werk, das nicht laut sein muss, um gehört zu werden. Mainstream ist das nicht, wer – wie auf „Old Redwood Tree“ – mit vertrackten 13/8-Ostinati spielt, der will nicht in die Hitparade. Auf dem Song „Seagull“ fragt sie: „Does the seagull think it’s lonely?“ Diese scheinbar banale Frage wird zum poetischen Brennpunkt des Albums – ein Sinnbild für das Verhältnis zwischen Außenwelt und Innenwelt, zwischen Gesellschaft und Individuum. Wer Musik als Begegnung mit sich selbst versteht, wird hier fündig. Wer sich auf die ruhige Musik, die Möwen, die Stille und die Fragen einlassen kann, wird vielleicht sogar ein Stück weniger einsam. (Yellowbird/Enja) HuGe *****
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