altemaelze

One Deep River

Mark Knopfler

Exzellentes Alterswerk

Mark Knopfler ist einer der erfolgreichsten Musiker, den Großbritannien je hervorgebracht hat, und er wird oft, seit seinem großen Durchbruch mit den Dire Straits, als einer der größten Gitarristen aller Zeiten bezeichnet. 2024 veröffentlicht er sein zehntes Solo-Studioalbum, das zwölf neue, unverkennbare Knopfler-Songs enthält. Sein Gesang, diese warme, sonore Stimme, und vor allem die Gitarre erinnern natürlich an die Dire Straits, aber nur in ihren ruhigsten, nachdenklichsten Momenten. Dazu kommen seine poetischen Texte, „One Deep River“ ist ein Album von lyrischer Ergriffenheit. Es ist, als wäre er einfach weggegangen, um einen Gang zurückzuschalten. Knopfler hat dabei viel zurückgeblickt – aber nicht zu seiner früheren Hitmacher-Gruppe. Nein, er blickt viel weiter zurück – zurück in die Geschichte alternder Figuren und längst vergangener Charaktere und verbindet deren Kämpfe, Herzensbrechungen und (nur sehr gelegentliche) Triumphe mit der Gegenwart. Das Alter holt eben alle ein – auch Rock ’n‘ Roller. So erkundet „One Deep River“ die kontemplativere Seite von Americana (Greg Leisz spielt Pedal und Lap Steel, John McCusker ist an der Geige) durch eine unverwechselbare britische Linse (Mike McGoldrick fügt die Whistle und Uilleann Pipes hinzu). Songs wie „Tunnel 13“ mit seiner langatmigen Meditation über das lebenslange Abenteuer eines echten Banditentrios und „Before My Train Comes“ oder „This One’s Not Going to End Well“ zeigen das eindrucksvoll. Seine Stimme hatte schon immer eine alterslose und doch sehr gealterte Qualität. Selbst auf seinen ersten Singles mit den Dire Straits wirkte Knopfler wie ein weiser Mann. Bei „One Deep River“ geht es jetzt mehr darum, einfühlsame Geschichten zu erzählen, als die Zehen zum Wippen zu bringen. „Sweeter Than the Rain“ ringt mit einer unausgesprochenen Frage, die das Vertrauen eines Mannes in sich selbst auf die Probe stellt. Selbst das langsame, an J.J. Cale erinnernde „Two Pairs of Hands“ tönt eher mürrisch. Sowohl das Album als auch der Titeltrack beziehen sich auf den Tyne, der Knopflers Heimatstadt Newcastle in zwei Hälften teilt und gleichzeitig ein starkes Grenzbild zwischen Vergangenheit und Gegenwart schafft: Es gibt kein Zurück mehr. Doch mit „Ahead of the Game“ macht Knopfler deutlich, dass er immer noch Trost im Gesang findet. „One Deep River“ bestätigt lediglich, dass diese Lieder auf ihren eigenen, langsamer fließenden Strömen ankommen werden. „One Deep River“ ist  ein weiteres Meisterwerk dieser zeitlosen Gitarrenmusik zwischen Blues, Folk und Rock. Das Album ist erhältlich als 2CD Deluxe im Digipack (mit fünf zusätzlichen Songs), 1CD im Digipack und als schwarze als auch limitierte Light Blue Vinyl Doppel-LP. (Grove-Label/Universal Music) P.Ro

*****

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal