Nach seinem Abschied vom Fernsehen besinnt sich Hannes Ringlstetter auf das, was ihn schon immer am meisten angetrieben hat: die Musik. Mit „Bellavista“ legt der bayerische Tausendsassa ein Album vor, das sich wie ein musikalischer Befreiungsschlag anfühlt. Keine Moderationskonzepte, keine Sendetermine, keine Quoten – dafür jede Menge persönliche Geschichten, musikalische Spielfreude und die Freiheit, einfach das zu machen, worauf es ihm ankommt. Entstanden ist das Album in einer einwöchigen Session in einem südfranzösischen Château. Gemeinsam mit langjährigen Weggefährten ließ Ringlstetter dort rund 20 gesammelte Songideen lebendig werden. Ohne großen Plan, dafür mit viel Raum für spontane Kreativität, Freundschaft und musikalisches Miteinander. Dass dabei eine hörbare Leichtigkeit entstanden ist, gehört zu den großen Stärken von „Bellavista“. Auch die anschließende Produktion nahm Ringlstetter erstmals selbst in die Hand. Zusammen mit Toningenieur Andreas Mayer setzte er seine Vorstellungen um – teilweise im K Langwerk in Niederbayern, teilweise in Mayers Audio Bloom Studios. Er und seine Band spielten live ein, immer auf der Suche nach dieser roughen Schönheit, die man meist nur dann findet, wenn man einfach drauf los spielt. Feile und Hobel wurden erst später angesetzt. Während die Bandrecordings innerhalb von nur zehn Tagen eingefangen wurden, ließ sich Ringlstetter für den Feinschliff Zeit. Und akquirierte Gäste, deren Präsenz und Einsatz „Bellavista“ nochmal ein ganzes Stück besonderer machen. Sie sorgten für zusätzliche Farbtupfer. Jan Plewka von Selig ist bei „Peace I“ mit von der Partie, während Linda Zervakis, Verena Altenberger und die Schick Sisters das musikalische Spektrum erweitern. Auch der Regensburger Rapper Maniac hinterlässt mit seinem Beitrag zu „Up in The Sky“ eine eigene Handschrift.
Musikalisch bewegt sich das Werk zwischen Liedermacherei, Folk, Reggae, Blues und kernigem Rock. Der Sound ist abwechslungsreich, bleibt aber stets angenehm unaufgeregt und erdig. Schon der rockige Opener „Vienna“ zeigt, dass Ringlstetter durchaus Ecken und Kanten besitzt. Seine musikalische Liebeserklärung an die österreichische Hauptstadt ist zugleich eine augenzwinkernde Abrechnung mit einer alten Hassliebe. Überhaupt sind es die Texte, die „Bellavista“ seinen besonderen Charakter verleihen. Ringlstetter erweist sich einmal mehr als genauer Beobachter und begnadeter Geschichtenerzähler. Mal geht es um die unendlichen Dimensionen des Universums wie in „Kassiopeia“, mal um zwischenmenschliche Beziehungen, Sehnsucht, Frieden oder die Kunst, auch nach einer Trennung das Positive zu entdecken. Dabei treffen hintergründiger Humor, sanfte Melancholie und niederbayerische Bodenständigkeit aufeinander. Gelegentlich schimmert auch jene morbide Nachdenklichkeit durch, die an den österreichischen Liedermacher Ludwig Hirsch erinnert.
„Bellavista“ ist der Abschluss einer Album-Trilogie, die mit „Fürchtet Euch Nicht“ und „Heile Welt“ begonnen hat. Und tatsächlich steckt auch diesmal viel Zuversicht in den Songs. Ringlstetter macht keinen Hehl daraus, dass die Welt alles andere als perfekt ist. Statt sich jedoch im allgemeinen Krisengejammer zu verlieren, plädiert er für Gelassenheit, Zusammenhalt und die Bereitschaft, selbst etwas zu bewegen. Mit „Bellavista“ gelingt Hannes Ringlstetter ein vielseitiges, sympathisches und angenehm ungekünsteltes Album. Es klingt nach Aufbruch, Freundschaft und wiedergewonnener Freiheit. Vor allem aber zeigt es einen Künstler, der sich nicht länger in Formate pressen lassen möchte, sondern genau dort angekommen ist, wo er hingehört: bei seiner Musik. Ein überzeugendes Stück musikalischer Selbstbestimmung – mit Tiefgang, Humor und einer ordentlichen Portion Lebensfreude. (millaphon Records) P.Ro
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