Noch bevor man irgendetwas zu hören bekommt, an diesem Dienstagabend, ist allein schon aufgrund der Sitzordnung im Jazz-Club klar: Dieses Konzert von Gerwin Eisenhauer mit seiner „20 Strings“ genannten Band (die Summe der Saiten von zwei Geigen, einer Viola, einem Cello und einem Kontrabass), es verspricht etwas ganz Besonderes zu werden. Erstmals in der Geschichte des Leeren Beutels ist die Bühne nämlich nicht an der dem Eingang gegenüberliegenden Seite errichtet. Stattdessen thront, wie in einer Manege, das Sextett inmitten des Raums zwischen den vier wuchtigen Stützsäulen auf einer nicht mal kniehohen Bühne. Und das Publikum, es bildet einen Sitzkreis, rund ums Quadrat herum.

Die kreisförmig um ein Quadrat angeordnete Szenerie wirkt beinahe wie eine visuelle Vorwegnahme dessen, was an diesem Abend geschieht: Nicht weniger als die Quadratur der Schaltkreise unter Einbeziehung des analogen Echoraums des Publikums. Denn Gerwin Eisenhauer beabsichtigt nicht weniger, als elektronische Tanzmusik performativ in ein kammermusikalisches Erleben zu transformieren, indem er ganz ohne elektrische Verstärkung allein auf jene Kräfte setzt, die den hölzernen Klanginstrumenten innewohnen. Die Verbindung reicht weit zurück. Bereits auf dem 2006 erschienenen Debütalbum seines Trios Elf eröffnete Eisenhauer das Programm mit „Four“, einer Komposition von Aphex Twin.

Dieser Musiker, der 1971 im irischen Limerick geboren wurde und in der Traumlandschaft des englischen Cornwall aufgewachsen ist, er heißt mit bürgerlichem Namen Richard D. James. Er, der seit den 1980er Jahren schon Alben produziert, gilt nicht nur als der „Mozart des Techno“. Er ist auch der Rekordhalter in einer ganz neuen Disziplin: Mehr als acht Millionen Videos gibt es allein auf Tiktok, die mit der Musik seines Tracks „QKThr“ unterlegt sind. Damit ist dieses knapp eineinhalb Minuten kurze Stückchen Musik das meistunterlegte unserer Gegenwart. Gerwin Eisenhauers Idee ist es nun, die ganz und gar auf Samples und anderen digitalen Produktionsmethoden beruhende Musik von Aphex Twin zurückzuübersetzen, und zwar, indem er den elektronischen Geist aus der Maschine bannt und ihn in seiner natürlich akustischen Form auferstehen lässt. Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil es sich bei dem Sextett um eine eingeschworene Gemeinschaft handelt, um ein Klangkollektiv, dessen Mitglieder zu einer Einheit verschmolzen sind, weil sie offenbar sehr viel Zeit und Mühe investiert haben, jene handwerkliche Präzision im Gruppenvortrag zu erlangen, für die ansonsten energetische Regelkreise und technische Algorithmen verantwortlich zeichnen. Die dahinterstehende Idee erläutert Gerwin Eisenhauer in einer Ansage selbst: „Ich finde es reizvoll, eine Musik, die komplett elektronisch klingt, weil sie auf Rechnern, Synthesizern und Bandmaschinen entstanden ist, in akustischen Kontext zu übersetzen. Wenn ich an das Desaster von Ländern wie Kuba oder die Ukraine denke, dann sehe ich: Dort gibt es immer wieder für längere Zeit keinen Strom. Eine solche Situation würde die Art von Musik, die ich sonst spiele, komplett zum Verstummen bringen. Wenn ich an Kuba oder die Ukraine denke, sehe ich, wie verletzlich unsere technische Infrastruktur ist. 99,9 Prozent der Musik, die wir konsumieren, erleben wir nur deshalb, weil irgendwo eine Steckdose ist.“ Das war der Grund, weshalb Gerwin Eisenhauer im Sommer begann, dieses Ensemble gemeinsam mit seinem guten Freund und langjährigen Begleiter Christian Diener am Bass zusammenzustellen und um das außergewöhnliche Streichquartett, bestehend aus Franziska Kiesel (Violine), Ekaterina Zeynetdinova (Violine), Angi Agudelo (Viola) und Jakob Helbich (Violoncello) zu ergänzen.

Die zweimal 60 Minuten im Leeren Beutel entfalten Wirkungen, die das Publikum komplett verstummen lassen und in einen Zustand meditativer Andacht versetzen. Für ungeübte Hörer wie den Rezensenten klingt die Musik wie das optische Erleben eines quirligen Gebirgsbachs – es dominiert zunächst die Selbstähnlichkeit und die Wahrnehmung von identischen Klangformationen. Erst ein vertrauter Hörer nimmt auch die feinen Unterschiede wahr, die zarten Differenzen und den jeweils eigenen Charakter der Stücke. Zwar sind melodiöse Bögen und Rhythmen erkennbar, die ihrerseits unterstützt werden vom minimalistisch-unaufgeregten Schlagzeugstil Gerwin Eisenhauers (die nicht nur wegen der zeitweisen Hereinnahme von Metronomen fast an Methoden der Hörspielakustik erinnert) sowie den Pizzicato-Tönen der Streicherinnen, die die hohen fiependen Töne beisteuern. Aber wie gesagt: Es dominiert die akustische Entsprechung des steten Wechsels von dunklem Wasser und heller Gischt, von Rhythmus und Melodie, vom Auf und Ab der Töne und der Schönheit des Seriellen.

Gerwin Eisenhauer hat sich in den letzten Jahren musikalisch deutlich weiterentwickelt. War es lange Zeit sein Ziel, im Hase- und Igelrennen mit Jungle und Drum’n‘Bass die Nase, was die geschlagenen Beats per Minutes anbelangt, vorn zu haben, so hat er sich jetzt mit seinem kleinen Set zum Poeten entwickelt, zu einem Taktgeber, der sein Solo wie eine „persönliche Rede“ verstanden wissen will – und dabei sein Material so sparsam einsetzt wie in einem Haiku: „Mir kommt es nicht mehr auf Geschwindigkeit an. Mir geht es heute um etwas ganz anderes. Bei einem Drumsolo liegt für mich das spannende Element gerade in der Art und Weise, wie sich Muster wiederholen und variieren lassen. Das ist viel wirkungsvoller!“ Sagt’s. Und nimmt wieder seine typische Tauchhaltung über dem Drumset ein. Um weiterzuarbeiten, an der akustischen Quadratur der Schaltkreise. Applaus und Zugabe! (Peter Geiger)


