Ein Sängerwechsel ist für eine etablierte Band immer ein Wagnis. Bei SCHANDMAUL geht es dabei um besonders viel: Thomas Lindners Stimme war über Jahrzehnte untrennbar mit dem Sound der Münchner Folk-Rock-Institution verbunden. Auf Sternensegler übernimmt nun Till Herence endgültig das Mikrofon – und erstaunlicherweise wirkt dieser Wechsel weniger wie ein Bruch als wie eine Kurskorrektur.
Elf Songs umfasst das Album, das musikalisch zwischen vertrauten SCHANDMAUL-Trademarks und vorsichtigen Erneuerungen pendelt. Mittelalterliche Folk-Elemente, treibende Gitarren, große Refrains und jene Mischung aus Melancholie und Aufbruchsstimmung sind weiterhin vorhanden. Gleichzeitig bringt Herence eine andere Klangfarbe mit: Seine Stimme wirkt stellenweise rauer und unmittelbarer, kann aber ebenso in ruhigere Passagen zurückgenommen werden. Genau diese Variabilität gehört zu den Stärken der neuen Besetzung. Bereits der Opener „Nimm alles mit“ setzt das Signal auf Neuanfang. Der Song klingt wie eine musikalische Selbstermächtigung nach schwierigen Zeiten: nicht zurückblicken, sondern losfahren. Der Titeltrack „Sternensegler“ führt diese Haltung fort und verbindet getragenere Momente mit dem hymnischen Charakter, den man von SCHANDMAUL kennt. Deutlich kräftiger geht es bei „Beide Füße in der Luft“ zur Sache. Hier darf die Band ihre rockige Seite ausspielen, während Herence zeigt, dass er nicht nur als Ersatz für eine vertraute Stimme funktionieren soll. Er setzt eigene Akzente und verleiht den Songs eine andere Dynamik. Mit „Flagge“ wird es politischer. Der Titel positioniert sich für Vielfalt und Zusammenhalt, ohne das Album grundsätzlich in ein politisches Statement zu verwandeln. Es ist eher eine Momentaufnahme einer Band, die nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre demonstrativ ihre Gemeinschaft beschwört. Dass SCHANDMAUL nach wie vor auch die leisen Töne beherrschen, zeigen „Nosferatu“ und „Wo Sprache aufhört“. Gerade in diesen Stücken funktioniert Herences Stimme besonders gut, weil sie nicht permanent auf Kraft und Lautstärke setzt. Sternensegler gewinnt dadurch an atmosphärischer Tiefe. Zwischendurch gibt es mit „An beiden Enden“ den obligatorischen Mitsing-Kandidaten, während „Lass nicht los“ und die Liebesballade „Trag dich“ stärker auf Emotion setzen. Hier zeigt sich allerdings auch eine gewisse Vertrautheit der Rezeptur: SCHANDMAUL verlassen ihre musikalische Komfortzone nicht grundsätzlich. Wer radikale Veränderungen erwartet, wird sie auf Sternensegler nicht finden. Das muss allerdings kein Nachteil sein. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Bandgeschichte wäre ein kompletter stilistischer Neustart ohnehin kaum glaubwürdig. Interessanter ist vielmehr, wie selbstverständlich Herence in das bestehende musikalische Gefüge integriert wird. Die eigentliche Leistung des Albums besteht deshalb weniger darin, SCHANDMAUL neu zu erfinden, sondern darin, die Band trotz des personellen Umbruchs funktionsfähig und lebendig zu halten. Den emotionalen Schlusspunkt setzt „Zwei Raben“, bei dem Laura Fella von Faun als Gaststimme zu hören ist. Die reduzierte Instrumentierung lässt beiden Stimmen Raum, bevor ein ausgedehntes Gitarrensolo den Song und damit das Album ausklingen lässt. Der Titel besitzt dabei eine besondere Bedeutung: Das Stück erschien ursprünglich bereits auf dem WETO-Album Schattenspieler von 2011 und erhält nun in neuer Besetzung eine zweite musikalische Existenz. Auch die Bonusausgabe setzt einen interessanten Akzent. Sie enthält instrumentale Harfen-Versionen von sieben Albumtiteln sowie „Räuber und Narren“, die Zusammenarbeit mit Subway to Sally. Damit bekommt die Folk-Seite der Band zusätzliches Gewicht.
So ist „Sternensegler“ letztlich kein Befreiungsschlag, sondern ein Album des Übergangs. SCHANDMAUL halten an ihrem musikalischen Fundament fest, verändern aber die Perspektive. Till Herence versucht nicht, Thomas Lindner zu kopieren – und genau darin liegt die wichtigste Qualität dieser neuen Phase. Der alte Kurs bleibt erkennbar, doch am Steuer steht inzwischen eine andere Stimme. „Sternensegler“ ist ein überzeugendes Lebenszeichen einer Band, die nach einem tiefgreifenden personellen Einschnitt nicht stehen bleiben will. Vertraut im Klang, aber offen genug für neue Akzente, gelingt SCHANDMAUL ein Neustart ohne Selbstverleugnung. (Napalm) P.Ro
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