altemaelze

Higher

Chris Stapleton

Insiderkritik von Jockl Peithner von Sacco & Mancetti

Vorab: ich bin vorbelastet. Ich bin auf Chris Stapleton vor acht Jahren durch Zufall gestossen – im Rahmenprogramm einer Eishockeyveranstaltung in Nashville. Es waren drei Songs, es war live und es war umwerfend. Seine Erscheinung, seine Songs, seine Stimme. Äusserlich irgendwo zwischen Hippie und Golddigger, aber eben nicht einzuordnen. Hippie, aber ohne Freedomgejaule und politischem Sendungsbewusstsein – Trapper, aber fernab der geschleckten Cowboyklischees. Seine Songs sind radikal puristisch, im Arrangement, in der Lyrik und in der Aufnahmetechnik. Back to the roots, aber, und das ist das Phänomenale, ohne jeden Retro- und Vintageklamauk. Seine Stimme ist ein Geschenk der Natur, die Art, wie er sie einsetzt, großes Talent und Können. Man hat fast das Gefühl, er könnte selbst den banalsten Melodien etwas Magisches einhauchen. Chris Stapleton singt den Soul in die Countrymusik, eine ganz eigene Melange und eine echte Ausnahmeerscheinung.

Für alle, die mit facetune und autotune das Netz bevölkern, ist Chris Stapleton ein Statement, das in jeder heimlichen Stimmreparaturwerkstatt die Erkenntnis setzt: nicht verzweifeln, aber das ist eben die oberste Liga. Hard to beat. Sehenswert seine erste Promotour durch die Radiostationen, alleine, live, uncut, that‘s it. Also wie läuft‘s nach „from a room“ und zahlreichen Gastauftritten mit Sheryl Crow, Justin Timberlake, Pink, Adele etc. deren Managements sich derzeit alle um ihn reissen.

Das aktuelle Album „Higher“ ist eine riskante, aber auch hochinteressante musikalische Spreizung. Die Bandbreite zwischen der zuckersüßen Countryballade mit seiner Frau Morgane „it takes a woman“, den rauhbeinigen Banddonner in „white horse“ und dem unglaublichen Soulgroove in „think I‘m in love with you“ ist wirklich gross. Umso größer mein Respekt. Es gelingt Chris Stapleton dennoch: alles bleibt erkennbare Facette eines hochtalentierten Songwriters, Performers und authentisch aus einem Guss. Analog aufgenommen, digital anhörbar, meine Empfehlung. (Mercury) Jockl Peithner

*****/*

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal