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Interview mit Ken Loach zu seinem neuen Film „THE OLD OAK“

Bei Loach brennt offensichtlich auch mit inzwischen 86 Jahren noch etwas unter den Nägeln! Hier ein Interview mit dem Regiealtmeister

Man kann Ken Loach mit Superlativen beschreiben, als wahrscheinlich größten Star des sozialkritischen Kinos oder als bis heute verehrten Regiealtmeister, man kann die zwei Goldenen Palmen erwähnen, die er in Cannes gewann, man kann versuchen, die zahlreichen Auszeichnungen seiner knapp 60jährigen und über 30 Kinofilme umfassenden Karriere aufzulisten… Damit allerdings würde man seiner Bedeutung als Filmemacher und als Stimme der Gerechtigkeit nur im Ansatz näher kommen. Von seinem zweiten Film KES, der 1999 vom British Film Institute auf Platz 7 der 100 besten britischen Filme des 20. Jahrhunderts gewählt wurde, bis zu seinem nun wahrscheinlich wirklich letzten Film THE OLD OAK, der im Mai 2023 seine Weltpremiere im Wettbewerb von Cannes feierte, steht jedes seiner Leinwandwerke für sich und erzählt hingebungsvoll von Menschen in einer ungerechten Welt.

Wie ist THE OLD OAK entstanden?

Wir hatten schon zwei Filme im Nordosten Englands gedreht. Beides Geschichten über Menschen, die in dieser zerrissenen Gesellschaft gefangen sind. Beide endeten unweigerlich schlecht. In dieser Zeit haben wir dort aber so viele warmherzige und unbeugsame Menschen getroffen, die sich diesem Leben mutig und entschlossen stellen, dass wir auch das unbedingt zeigen wollten. Wir hatten das Gefühl, einen dritten Film machen zu müssen, der genau das widerspiegelt, ohne dabei die Probleme in dieser vernachlässigten Region zu verharmlosen. Es gab hier eine noch größere Geschichte für uns, wenn wir in der Lage wären, sie zu finden.

Unser Ausgangspunkt war der Verfall dieser Region. Die alten Industrien, Schiffbau, Stahl- und Kohlebergbau sind verschwunden und es ist nichts Neues an ihre Stelle getreten. Zahllose Gemeinden, die auf stolze Zeiten der Solidarität und lange kulturelle und sportliche Traditionen zurückblicken, wurden von Politikern beider großen Parteien dem Verfall überlassen. Was uns dort auffiel, war, dass die Menschen von den Tories sowieso nichts erwartet hatten, aber dass das Versagen der Labour-Partei angeprangert wurde, gerade weil der Nordosten natürlich eine Labour-Hochburg war, wo z. B. Tony Blair oder Peter Mandelson Abgeordnete waren. Das hatte nur nie einen Unterschied gemacht. Die kleinen Gemeinden wurden im Stich gelassen. Viele Familien sind weggezogen, Geschäfte haben geschlossen, ebenso wie Schulen, Bibliotheken, Kirchen und die meisten öffentlichen Einrichtungen. Wo es keine Arbeit gibt, schwindet die Hoffnung. Entfremdung, Frustration und Verzweiflung treten an ihre Stelle und erschreckenderweise machen sich dadurch auch rechtsextreme Kräfte und Tendenzen breit. Stadtverwaltungen in anderen, wohlhabenderen Gegenden schickten schutzbedürftige Menschen, die als „Problemfälle“ gesehen werden und auf Wohngeld angewiesen sind, in den Nordosten, wo die Mieten billig sind. Konflikte waren geradezu unvermeidlich. Verschärft wurde die Situation noch durch eine weitere Wendung, als die Regierung sich endlich dazu entschloss, Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Insgesamt waren es zwar weniger als in den meisten anderen europäischen Ländern, aber sie mussten ja trotzdem irgendwohin. Auch hier war es keine Überraschung, dass der Nordosten mehr Flüchtlinge aufnahm als jede andere Gegend. Warum? Hier gibt es billigen Wohnraum und es handelt sich um eine Region, die von den nationalen Medien kaum beachtet wird.

Paul hatte Geschichten darüber gehört, was passierte, als die ersten syrischen Familien ankamen, und bekam das Gefühl, dass wir diese Geschichte erzählen sollten. Dafür mussten wir sie aber zunächst wirklich verstehen. Es geht um zwei Gemeinschaften, die Seite an Seite leben. Beide leiden unter ernsten Problemen, aber eine hat auch noch mit dem fürchterlichen Trauma zu kämpfen, einem Krieg von unvorstellbarer Grausamkeit entkommen zu sein – trauernd um die, die sie verloren haben, und krank vor Sorge um die, die sie zurückließen. Diese Menschen finden sich als Fremde in einem fremden Land wieder, in dem sie auch nicht immer willkommen sind. Kann es da überhaupt ein Zusammenleben geben und wie findet man in solchen dunklen Zeiten so etwas wie Hoffnung? Klar war, dass es um schwierige Fragen geht, aber Paul, Rebecca und ich wollten nach Antworten suchen.

Wie ist aus diesen ersten Gedanken die Story von THE OLD OAK entstanden?

Paul und ich sprachen viel über die großen Zusammenhänge, aber dann schlug Paul vor, dass wir uns auf einen Mikrokosmos konzentrieren könnten, auf einen Pub, der „The Old Oak“ heißen sollte. Der Wirt, TJ, würde den schwierigen Weg dieser Region verkörpern. In der Vergangenheit war er ein aktiver Teil der Gemeinschaft, hat jetzt aber mit großen Problemen zu kämpfen. In Geschichten geht es fast immer um Beziehungen und hier brachte Paul eine Syrerin ins Spiel, die im Flüchtlingslager Englisch gelernt hatte und sich zur Fotografin ausbilden ließ. Ihre persönlichen Erfahrungen sorgen dafür, dass sie einen weitläufigeren Blick auf die Welt um sich herum hat. Ihre Freundschaft mit TJ steht im Zentrum der Geschichte.

Wie sind Sie an die Charaktere herangegangen, die im Dorf den Neuankömmlingen aus Syrien ablehnend gegenüberstehen?

Wir haben zugehört. Wir wussten ja ungefähr, was wir zu erwarten haben, nachdem wir uns jahrelang mit sozialen Konflikten und Auseinandersetzungen beschäftigt hatten. Die genaue Art und Weise, wie sich die Ereignisse entfalten und wie die Menschen reagieren, ist aber immer etwas unterschiedlich und auch sehr aufschlussreich. Es steckt ja in jedem Standpunkt eine Wahrheit. Das Problem ist nur, was die Menschen aus ihren eigenen Wahrheiten machen. Wenn jemand lange auf einen Arzttermin wartet, wer ist dann ihrer Ansicht nach daran schuld? Wenn die Schulklassen zu überfüllt sind, wer ist dann daran schuld? Das Problem ist, es gibt keine Bösewichte wie in vielen Filmen. Klar ist, dass ein Gefühl der Enttäuschung Menschen zu extremen Meinungen und Verhaltensweisen treiben kann. Dahinter steht aber immer eine gewisse Logik, die man nicht übersehen sollte, denn das würde das Drama einer Geschichte zwar vereinfachen, aber auch abschwächen. Das Dorf, von dem wir erzählen, ist Teil einer größeren Gemeinschaft. Es blickt auf eine lange Geschichte des Widerstandes gegen Ausbeutung zurück. Früher musste man sich mit den Minenbesitzern herumschlagen und dann folgte in jüngerer Zeit die erzwungene Schließung der Gruben in der Ära Margaret Thatchers. Diese Auseinandersetzungen, dieser Arbeits- und Überlebenskampf, sorgten für ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl und auch die Wertschätzung internationaler Unterstützung. Die Schwächung der Gewerkschaften ließ die Einzelnen in ihrem Kampf allein zurück. Wenn es keine starke Gemeinschaft mehr gibt, wenn das Unternehmertum angebetet wird und nicht das Miteinander, dann verändert sich das Bewusstsein und alte Wertvorstellungen verlieren ihre Kraft. All das hat einen Einfluss darauf, ob man die neu ankommenden syrischen Familien willkommen heißt oder nicht. Wir haben viele Gespräche geführt, wir haben zugehört, wir haben beobachtet und Paul hat das Drehbuch geschrieben.

Genauso sind Sie auch an die Darstellung der syrischen Familien herangegangen?

Ja, das Prinzip ist immer das Gleiche. Zuhören, beobachten und den Menschen den nötigen Raum erlauben, sich treu zu bleiben. Das Casting war auch hier wie schon so oft vorher Teil des Prozesses. Die Syrer im Film sollten Syrer sein, die sich auch wirklich in dieser Region niedergelassen haben, und Pauls Drehbuch ließ ihnen die Freiheit, ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten einzubringen. Details sind wichtig und wir alle haben dabei sehr viel gelernt. Menschen sind unterschiedlich, auch wenn man sie vielleicht einer großen Gruppe zuordnen kann. Einige Familien waren traditionell, andere weniger. Einige hatten Englisch gelernt, anderen fiel es schwer, aber alle haben uns ihre Zeit geschenkt und sich mit ganzem Herzen engagiert. Ganz abgesehen von den legendären Kuchen, die sie für uns mit ans Set brachten.

Unser Glück war auch, dass wir zwei Menschen im Team hatten, die uns bei der Arbeit mit den syrischen Familien unterstützt haben. Yasmeen Ghrawi war während des Castings und von Zeit zu Zeit während der Dreharbeiten von unschätzbarem Wert. Sham Ziad war direktes Bindeglied zu den Familien und hatte immer ein offenes Ohr für alle Fragen, die Tag für Tag aufkamen. Manche Details mussten wir im Laufe der Arbeit anpassen. Einigen syrischen Müttern war es wichtig, dass ihr Kopf immer bedeckt bleibt oder sie fühlten sich beispielsweise nicht wohl, dabei gesehen oder gefilmt zu werden, wie sie in ein Pub gehen. Es gab aber immer eine Lösung und für uns war essenziell, dass sich alle respektiert und wohl fühlen. Wir haben in jedem Fall auch viel gelacht und neue Freundschaften geschlossen.

Auf die Verortung im Nordosten Englands haben Sie auch bei der restlichen Besetzung geachtet?

Nach dem Drehbuch ist die Besetzung das wichtigste Element jedes Films. Mit ihr erzählt man eine weitere Geschichte. Wir haben nach Menschen gesucht, die auch aus der Region kommen. All das, was man im Film an unterschiedlichen Reaktionen auf die Anwesenheit der Syrer sieht, wird von Menschen dargestellt, die in denselben Straßen leben, die Ähnliches erlebt haben und wissen, dass es vor den schlechten Zeiten auch gute Zeiten gegeben hat. Dadurch wird deutlich, dass aus ähnlichen Erfahrungen ein sehr unterschiedlicher Umgang mit den heutigen Konflikten entstehen kann, auch wie sie alle der gleichen Quelle entspringen. Wir wollten Menschen, die zur Region und zum Dorf im Film gehören, ohne dass irgendjemand einen Akzent nachahmen muss. Wenn sie in eine echte Kneipe dort gehen würden, sollte sie jeder für Einheimische halten. Das war die Vorgehensweise bei unserem Casting und auch wenn das auf den ersten Blick wie eine Einschränkung klingt, war es das Gegenteil. Ob etablierte Schauspieler, Newcomer oder einfach Menschen, die mit ihrer Lebenserfahrung sofort einen Eindruck hinterlassen, wir fanden unglaublich viele talentierte Menschen.

Kahleen Crawford ist seit langen Jahren und vielen Filmen unsere Casting-Direktorin. Gemeinsam mit Carla und Eliza stellte sie sicher, dass wir jeden treffen konnten, der in Frage kommen würde. Auch wenn ich es nach so vielen Filmen, in denen wir es ähnlich gemacht haben, eigentlich wissen sollte, war ich auch diesmal wieder überrascht, wie viele Menschen die Fähigkeit haben, fiktive Situationen real erscheinen zu lassen. Jede Person, die wir trafen, hatte etwas zu bieten, und wir bedauerten fast, nicht eine noch größere Besetzung zu haben, auch wenn sie ohnehin schon groß war. Abgesehen von TJ, Yara und Charlie gab es viele weitere wichtige Rollen zu besetzen. Zwei der schwierigsten waren Vic und Gary, die bei der Ankunft der Syrer eine harte Haltung einnehmen. Chris McGlade und Jordan Louis verstanden, was hinter dieser Feindseligkeit steckt, und stellen das ohne Entschuldigung oder Übertreibung der Szenen dar. Für die Geschichte ist es wichtig, dass man Vic und Gary versteht und dass sie glaubwürdig sind. Es ist eine echte Leistung, dass das Chris und Jordan so uneingeschränkt gelang.

Zwei weitere Schlüsselrollen sind Laura, die als eine der Wenigen im Dorf die Neuankömmlinge von Anfang an willkommen heißt, sowie Fatima, die Mutter von Yara und drei jüngeren Kindern. Clare Rodgerson als Laura brachte mit ihrer Wärme und ihrem Optimismus wichtige Bestandteile für die Geschichte. Wenn man ihr begegnet, erkennt man sofort ihre Energie und ihr Verständnis für die realen Spannungen in der Region, wie wir sie ganz ähnlich im Film zeigen. Amna, die Fatima spielt, wollte wie viele syrische Mütter ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, dass sie ein neues Zuhause finden durfte und in einer fremden Welt freundlich aufgenommen wurde. Ihre Geschichten von Krieg, Grausamkeit, Folter und Verlust waren erschütternd und zeigten gleichzeitig, wie stark die Menschen sein können und wie sie sich trotz unmenschlicher Erfahrungen ihre Menschlichkeit bewahren. Amna brachte eine wichtige Glaubwürdigkeit mit und ließ die Fiktion der Geschichte real erscheinen. Außerdem konnte ich mich immer an Amna wenden, wenn ich Fragen hatte, wie eine Szene funktionieren sollte. Amnas Hilfe war da von unschätzbarem Wert.

Kommen wir zu den drei Hauptfiguren im Film. Wer ist TJ?

TJ ist ein Mann in den späten Fünfzigern, geboren und aufgewachsen in diesem Dorf, in dem er jetzt seinen Pub betreibt. Seine Arbeit in der Grube begann er kurz vor dem Streik 1984 und diese Erfahrung machte ihn zum Kämpfer. Er wurde in seiner Gemeinde zu einer wichtigen Persönlichkeit und organisierte beispielsweise Fußballspiele für die Jugendlichen im Ort. Nachdem die Grube geschlossen wurde, hatte er die verschiedensten Jobs bis er den Pub „The Old Oak“ übernahm, den seine Mutter von dem Geld gekauft hatte, das sie als Entschädigung für den Tod von TJs Vater bekam. Seine besten Zeiten hatte „The Old Oak“ natürlich als die Grube noch offen war und das Dorfleben florierte. Mit der Schließung der Grube brach die Wirtschaft in der Gegend zusammen und TJ schaffte es trotzdem immer wieder, „The Old Oak“ offen zu halten. Es ist der letzte offene Pub im Dorf. Genau wie sein Pub hat es aber auch TJ schwer. Seine Ehe ist gescheitert, sein einziger Sohn lebt weit weg und er hat sich aus dem Dorfleben zurückgezogen und kümmert sich nur noch um den Fortbestand seines Pubs. Er versteht die politischen und sozialen Hintergründe zwar nur zu gut, aber hat den Willen verloren, sich dagegen zu wehren. Wie so viele andere weiß auch er, wer für das Elend verantwortlich ist und dass sie verraten wurden von denen, die nur vorgegeben hatten, sich für die Region einzusetzen. TJs bester Freund ist seine kleine Hündin Marra, die nichts wirklich von ihm fordert und immer für ihn da ist. Mit den syrischen Neuankömmlingen kommen neue Herausforderungen auf ihn zu und jetzt ist er zur Stelle. Wie er damit umgeht, steht im Zentrum dieser Geschichte. Auch wenn er kaum noch Optimismus übrighat, berührt ihn die Begegnung mit Yara und den anderen Syrern sehr. Die Frage ist nur, ob er noch genug Kampfgeist in sich trägt, sich in der gespaltenen Dorfgemeinschaft für die neuen Mitbewohner einzusetzen und etwas zu bewirken. Mit Dave Turner zusammenzuarbeiten, der diesen TJ spielt, war ein echtes Vergnügen. Er kannte seine Geschichte in- und auswendig. Er hat auch ein Pub geführt. Aber noch wichtiger ist, er lebte gewissermaßen diese Geschichte, während wir sie Tag für Tag filmten. Niemand anderes hätte besser passen können für diese Rolle.

Wer ist Yara?

Die anfang-zwanzigjährige Yara ist das älteste von Fatimas Kindern. Sie und ihre Familie entkamen dem Krieg in Syrien und lebten längere Zeit in einem Flüchtlingslager. Für Yara wurde diese Zeit zu einer ebenso prägenden wie einschneidenden Erfahrung. Internationale Freiwillige nahmen sie unter ihre Fittiche, sie lernte verschiedene Sprachen, vor allem Englisch, arbeitete mit Organisatoren, Lehrern und Ärzten zusammen und wurde so zum Bindeglied zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen. Diese Erfahrungen sorgten auch dafür, dass sich ihre Einstellungen änderten, internationaler und kosmopolitischer wurden, wodurch es sicherlich auch zu Problemen mit ihrer Mutter kam, die aber glücklicherweise gelöst werden konnten. Yaras Vater spielt eine wichtige Rolle für sie. Er ist Schneider, ein begabter Handwerker, ein nachdenklicher Mann und ein fürsorglicher Vater. Wie für seine anderen Kinder will er das Beste für Yara, deren großes Talent er längst erkannt hat. Yaras Eltern stehen sich nahe, sie ist in einer gut funktionierenden Familie eingebunden, aber dann gerät ihr Vater in Konflikt mit den Behörden und sitzt nun in Syrien im Gefängnis. Die Familie wurde in einem Dorf an der englischen Nordostküste untergebracht. Die Strände sind mit Industrieabfällen verschmutzt, die erste Begegnung mit den Einheimischen ist feindselig. So stellt sich die Situation für Yara dar, und natürlich ist sie es, die als erste in Kontakt tritt mit dieser neuen, ungewohnten Welt um sie herum, weil sie die Sprache beherrscht. Trotzdem erfordert das natürlich großen Mut, sich einer Gruppe fremder Menschen zu stellen. Genau das beeindruckt TJ sehr und das ist der Beginn ihrer Freundschaft. Auf der Suche nach der richtigen Besetzung für Yara haben wir uns mit jungen Frauen hier und in Syrien getroffen. Andere Regisseure und Freunde haben uns viele Vorschläge gemacht und wir hatten zahllose Zoom-Calls und drei Treffen in Newcastle. Am nächsten kam Ebla der Yara wie Paul sie geschrieben hat, und wie bei Dave Turner wurde auch Ebla gleich vom ersten Tag an zu Yara. Ihre unkomplizierte und direkte Art, ihre Wärme und ihr Einfühlungsvermögen machten sie sofort zu einem festen Bestandteil des Teams. Manchmal merkte Ebla nicht mal, dass die Kamera sie im Fokus hatte, aber selbst dann leuchteten ihre Augen und sie war selbst dann genauso konzentriert und engagiert in ihrer Rolle, wie in jedem anderen Moment.

Wer ist Charlie?

Er ist ein Jugendfreund von TJ. Die beiden sind zusammen aufgewachsen. Ihre Familien waren sich nahe und auch ihr Erwachsenenleben folgte ähnlichen Wegen. Charlie ist ein gutherziger Mensch und während sich TJ in der Gemeinde engagierte, konzentrierte sich Charlie auf seine Familie, auf seine Kinder. Das Reihenhaus, in dem sie lange zur Miete wohnten, kauften Charlie und seine Frau Mary schließlich, als es zu einem günstigen Preis angeboten wurde. Es sollte eine sichere Investition und ihr dauerhaftes Zuhause sein, aber dann kam ihnen das Pech in die Quere. Seit ihrer schweren Erkrankung ist Mary an einen Rollstuhl gefesselt, die Familien um sie herum zogen weg, die Häuser wurden billiger und mit den neuen Nachbarn verschwand das Gemeinschaftsgefühl in ihrer Gegend. So stecken Charlie und Mary nun fest und vom erträumten sicheren Ruhestand ist keine Spur mehr zu erkennen. Wie so viele hat Charlie das Gefühl, man hätte ihn im Stich gelassen. „The Old Oak“ ist sein Stammlokal. Hier kann er in Ruhe mit Freunden ein Bier trinken, wenn er sich nicht um seine Frau kümmert. Mary und er sind stolz auf ihr Leben und ihre Kinder, aber viel ist nicht mehr übrig, dass ihm noch Trost gibt und jedes weitere Problem könnte ihn zerbrechen lassen. Selbst ein gutherziger Mensch kann nur ein bestimmtes Maß ertragen. Gespielt wurde Charlie von Trevor Fox, der so etwas wie ein ruhender Pol im Team war. Er ist nicht nur ein hervorragender, erfahrener Schauspieler, er stammt auch aus dem Nordosten Englands und lebt auch immer noch genau in dieser Welt und mit den Menschen, die Paul in seinem Drehbuch beschreibt. Trevor konnte die Frustration Charlies nachvollziehen, sein Festhalten an all dem, was vertraut ist. Charlie kann sich durchaus an die Solidarität der Bergarbeiter während des Streiks erinnern, an das, wofür sie gekämpft haben, an die Prinzipien, und ihm ist klar, dass diese Prinzipien in unserer heutigen von Individualismus geprägten Welt immer unwichtiger zu sein scheinen. Charlie würde es zwar nicht so ausdrücken, aber er würde es genauso empfinden. Verzweiflung und Frustration können uns jedenfalls zu extremen Taten und Haltungen verleiten – und diesen entscheidenden Aspekt unserer Geschichte hat Trevor perfekt verkörpert.

Sie lassen die Geschichte 2016 in einem nicht genau benannten Dorf spielen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

2016 war ganz einfach das Jahr, in dem die ersten Flüchtlinge aus Syrien dort ankamen, offenbar ohne dass die Gemeinden wirklich darauf vorbereitet gewesen wären. In diesem Jahr passierte die Geschichte, die Pauls Drehbuch zu „The Old Oak“ inspiriert hat, als ein Bus mit ankommenden Flüchtlingen dort angefeindet wurde und es viel harter Arbeit bedurfte, um eine gute Beziehung zwischen den syrischen Familien und den alteingesessenen, dort lebenden Menschen aufzubauen. In der Zeit, in der wir den Film vorbereiteten, war der Durham County Council, wo wir gedreht haben, aber äußerst hilfsbereit und die syrischen Familien fühlten sich aufgenommen. Es gab zwar immer noch Geschichten über willkürliche Anfeindungen, aber deutlich weniger als in den Jahren davor. Für Unruhe sorgen eher die Regierungsentscheidungen. Warum werden Flüchtlinge in benachteiligten Gebieten untergebracht, in denen die Menschen schon so lange so wenig haben und so lange Vernachlässigung erleben, dass das nicht mal mehr in den Nachrichten erwähnt wird? Nun, die Antwort lässt sich problemlos aus der Frage ablesen. Das Dorf, das wir im Film zeigen, haben wir als fiktiven Stellvertreter für so viele Dörfer in dieser Region bewusst namenlos gehalten. Gedreht haben wir in Easington, weil Paul das Meer zu einem wichtigen Teil der Geschichte gemacht hatte, und obwohl der Strand von Easington zwar nicht mehr schwarz ist durch angeschwemmte Kohle, ist er immer noch von Industrieabfällen geprägt. Im benachbarten Ort Horden fanden wir eine visuell beeindruckende Ansammlung von historischen Reihenhäusern als klassisches Beispiel traditioneller Bergarbeiterhäuser in der Nähe der Grube. Unser Pub „The Old Oak“ fanden wir in Murton mit einem leerstehenden Pub in einem schönen Gebäude und einem entgegenkommenden Besitzer. So wie dort hätten wir aber auch an vielen anderen Orten der Region drehen können, weil unsere Geschichte in fast allen von ihnen hätte spielen können.

Die drei Filme, die ich im Nordosten Englands gedreht habe, waren eine beeindruckende Erfahrung für mich. Die Klischees, die man immer wieder über diese Region hört, stimmen: hier leben warmherzige, großzügige Menschen, es gibt eine atemberaubende Landschaft und eine Gemeinschaftskultur, die von Entbehrungen, Kampf und Solidarität geprägt wurde. Auch wenn sie sich in den Details unterscheiden, gilt das auch für die anderen Arbeiter-Viertel und Gegenden, in denen wir Filme gedreht haben. Seien es Glasgow und Clydeside, Liverpool und Manchester, South Yorkshire und andere. Wir haben diese Orte nicht zufällig ausgewählt, hier haben große Schriftsteller ihre wichtigen Geschichten geschrieben. Und natürlich gibt es noch andere Regionen, in denen Härte, andauernder Kampf und große Solidarität Teil der DANN sind. Und nicht zuletzt natürlich unsere menschliche Stärke und Entschlossenheit, die uns eines Tages hoffentlich so weit bringt, dass wir wirklich zusammenfinden und es nicht mehr nötig ist, zu kämpfen. Wir haben lange genug gewartet.

Ob mit CARLA’S SONG über den sandinistischen Bürgerkrieg, dem ersten von 14 Filmen, die er ausnahmslos mit THE OLD OAK Drehbuchautor Paul Laverty verwirklicht hat, ob mal romantischer mit JUST A KISS oder mal komödiantischer mit ANGEL‘S SHARE – EIN SCHLUCK FÜR DIE ENGEL und LOOKING FOR ERIC, Loach erzählt immer wieder und unermüdlich von Einzelschicksalen und Geschichten von Menschen, die abgehängt, links liegen gelassen oder in eine Ecke am Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Seine Heldinnen und Helden, die er gerne regelmäßig mit Schauspiel-Laien besetzt hat, um in improvisiertem Nachleben vor der Kamera für noch mehr Realitätsnähe zu sorgen, kommen häufig wie jetzt auch in THE OLD OAK aus der Arbeiterklasse oder sind politisch, religiös oder gesellschaftlich benachteiligt. Natürlich, Ken Loach, als lebenslanger Sozialist im Orbit des Marximus, hat eine Botschaft, der er sechs Jahrzehnte lang treu geblieben ist. Er sieht sich als Erzähler durchaus als Anwalt der vermeintlich Schwachen. Er kämpft mit seinen Filmen für seine Überzeugungen und gegen Ungerechtigkeit oder Ausbeutung.

Der Film läuft am 23. November im Kino an!

(Das Interview wurde vom Filmverlag zur Verfügung gestellt)