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Knut Wenzel und Robert Hasleder stellten gemeinsam Bob Dylans neues Buch vor

Musikalische Lesung am 18. November in der Regensburger Buchhandung Dombrowsky

Eine nächtliche Reise ins Herz der Musik!

Hätte Knut Wenzel, Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik in Frankfurt am Main, die Bezeichnung „Dylanologe“ an diesem Freitagabend auf sich sitzen lassen: Er wäre keiner! Aber: Was bleibt Ulrich Dombrowsky anderes übrig, als in der Ankündigung vor ausverkauftem Haus jenen Autor der den Forschungsgegenstand als Pilger erfassenden Untersuchung „Hobo Pilgrim – Bob Dylans Reise durch die Nacht“ als einen solchen zu bezeichnen?
Gerade diese Widersprüchlichkeiten sind es, die eine legitime Annäherung erst gestatten, an jene Gestalt des Showbusiness, die seit ihrem Auftauchen in den frühen 1960er Jahren die Welt immer wieder ins Staunen versetzte. Bob Dylan, heute 81 und mit dem Literaturnobelpreis geadelt, gelang es zwar, Songzeilen dazu zu verhelfen, dass sie sich zu geflügelten Worten mausern konnten. Gleichzeitig aber wehrte er sich erfolgreich dagegen, auf platte Formeln reduziert zu werden.

Um seine neueste Arbeit in Buchform, „Die Philosophie des modernen Songs“ (350 Seiten, C.H. Beck, 35 Euro) vorzustellen, hat sich Wenzel mit dem Gitarristen Robert Hasleder, einem Könner und Adepten des Großmeisters, zusammengetan. Und der spielt einleitend mit „All the tired Horses“ jenen Opener vom 1970er-Album „Self Portrait“, der nach Wenzels Meinung beispielhaft für dessen Songkunst steht: Führt er doch in einer auf zweieinviertel Minuten eingedampften Minisymphonie jene Vielzahl von Arrangement-Möglichkeiten vor Ohren, von A cappella über Gospel hin zum mit Geigen konturierten Seelentröster – der sich textlich jeder Interpretation verweigert. Weshalb sich Bob, äh, sorry, Robert Hasleder seinerseits auf eine fein gepickte instrumentale Version beschränkt. Was Dylan in seiner „Philosophie“ nunmehr unternimmt, ist „Verschriftlichung und Essenz eines Formats“, das er vor rund 15 Jahren als Serie von Radiosendungen vorgelegt hat: Jene „Theme Time Radio Hours“ waren von Dylan kuratierte Plaudereien, in denen er sich jeweils eine Stunde lang mit Songs zu „Frauen“, „Autos“ oder „Regen“ beschäftigte. Allesamt eröffnet mit den hingehauchten Worten: „It’s nighttime in the big city“.
Und so gerät dieser spätherbstliche Abend in Regensburg seinerseits zu einem Ereignis, das durch Vielstimmigkeit und thematische Breite überzeugt. Wenzel moderiert und plaudert ebenso kurzweilig wie auch die Tiefen seines Forschungsgegenstands ergründend. Auch wenn Dylan sich beschränkt, auf 66 Songs: Nein, dieses Konzept steht keineswegs dafür, auf Einschränkung des Kanons. Hasleder formuliert es in der ihm eigenen Sprache der Musik: Das ist ein Tauchgang in die Musikgeschichte. Wir begegnen Little Richard wie den Platters – aber auch einer Vielzahl heute unbekannter Namen. Was wohl das wichtigste Anliegen Dylans zum Ausdruck bringt: Den Hör-Reigen inspiriert fortzusetzen, nach dieser Lektüre.

(Peter Geiger)