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Der Plattenpapst von Regensburg

Mit seinem Laden „Shadilac“ hat Franz Reinhardt viele Krisen überstanden.

1987 gegründet und seit 2000 in der Kramgasse zwischen Rathaus und Dom.

Besser hätte er sich keine Werbeaktion ausdenken können. Mit einem feinen Schmunzeln im Mundwinkel erzählt Franz Reinhardt wie er vom nächtlichen Einbruch des Libertines-Sängers Pete Doherty in seinem Plattenladen erfahren hat. Eine Journalistin des BR habe ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt. Reinhardt befand sich gerade in Los Angeles, um einzukaufen und hatte von der Untat des trunkenen Engländers keinen blassen Dunst. Was er in den Telefonhörer gestammelt habe, könne er nicht mehr sagen, aber vom Rummel, der durch die geklaute Gitarre und einer Schallplatte vor elf Jahren ausgelöst worden war, habe er durchaus profitiert. Da betrieb der in Stadtamhof zur Welt gekommene Polizistensohn das Shadilac schon fast ein Vierteljahrhundert. Mehrmals war er damit umgezogen, bis er in der Kramgasse seinen letztgültigen Standort fand. Stammkunden aus ganz Bayern kennen das auf den ersten Eindruck etwas angestaubt wirkende Geschäft für gebrauchte und neue Schallplatten auch ohne den unfreiwilligen PR-Gag Dohertys. Auf der Suche nach Scheiben vor allem weniger bekannter englischer und amerikanischer Rock- und Popbands der 60er bis 80er Jahre werden sie hier oft fündig.

Dass aus dem Einzelkind, das seine Grundschulzeit auf dem Land bei Beilngries verbracht hat, ein Kaufmann werden würde, war für die streng konservativen Eltern nicht ausgemacht. Aber schon während des Studiums in Regensburg – Englisch und Deutsch fürs Lehramt – begann Reinhardt zusammen mit einem Freund einen Mailorder-Versand aufzuziehen. Handliche Kataloge, mühselig auf Schreibmaschine getippt, wurden verschickt, die Bestellungen dann in der Wohnküche per Hand abgearbeitet. Nachschub kam meist aus England, weil es dort bereits einen enormen Markt für gebrauchte Tonträger gab. Während der Schulzeit am Goethe-Gymnasium hatte Reinhardt ein halbes Jahr bei den Angelsachsen verbracht und dabei in London das „Record & Tape Exchange“ kennengelernt. Es war die Topadresse für Secondhand von Platten über Klamotten bis Schmuck. Bemusterungsexemplare von Musikjournalisten landeten dort haufenweise, weil die Stadt als Zentrum der damaligen Popwelt galt. Es „war ein Irrsinn, was da reinkam“, der „Besitzer fuhr mit einem Jaguar“, erkannte der junge Popfan neidlos die Chancen, die in dem Nischenmarkt lagen.
Die Grundlagen für den kommenden Erfolg waren gelegt. Mit der Gründung eines eigenen Labels als zweitem Standbein neben dem Mailorder-Versand erhöhten die beiden Jungunternehmer ihre Aussichten, von ihrer Arbeit leben zu können. Nach und nach veröffentlichten sie 30 Alben von weniger bekannten Bands, darunter auch einer australischen Rockgruppe. Drei Jahre nach der Geburt des Sohnes eröffneten sie zusammen mit Reinhardts Partnerin Isolde von Reusner 1987 den Secondhand-Laden Shadilac, kurz darauf einen zweiten in Passau. Als der Partner die Labelaktivitäten stark ausweiten wollte, was finanziell nur schwer zu stemmen gewesen wäre, zerstritten sich die Freunde und teilten die Aktivitäten auf. Das Aufkommen der CompactDisk (CD) „ignorierte ich anfänglich schlicht“, beschreibt Reinhardt sein zwiespältiges Verhältnis zu dem Medium, das Ende der 1980er-Jahre die Platte verdrängte.

Durch die Kopierbarkeit sank der Wert der CD, damit auch der Musik, praktisch auf Null. „Ich stelle viele CDs in den Verschenkschrank im Dorf“, sagt er. Indirekt trug die Disk auch zum Bruch mit Partnerin von Reusner bei. Sie zeigte sich offen gegenüber der Neuerung und habe „diese mit reingenommen“, was „unseren Laden fast in die Insolvenz getrieben hätte“. Eine Zeit lang existierten mit dem von der Ex-Partnerin eröffneten Swamp-land zwei Anlaufstellen für Plattensammler, die nach gebrauchte Alben Ausschau hielten. Der zweite große Einschnitt kam für den erklärten Fan von „abseits des Mainstreams liegender“ englischer Popmusik mit Corona. Zwar hatte sich der Markt seit den Nuller Jahren wieder etwas erholt, „neue Musik gibt es oft auch wieder auf Schallplatte“, doch die Lockdowns „haben richtig zugesetzt“.  Dennoch kämen auch wieder junge Leute, verweist Reinhardt wie zur Bestätigung auf ein Pärchen, das gezielt nach einem Album greift. „Oft haben junge Leute Sammlungen von ihren Eltern geerbt und nach ihrem Geschmack neu sortiert“, erklärt der 69-Jährige, den mal ein Kunde als „griesgrämigsten Plattenhändler Deutschlands“ bezeichnet hat. Reinhardt schmunzelt wieder bei dieser Anekdote, denn „mir macht es noch immer Spaß, im Laden zu stehen und Platten mit interessanten Covers zu sortieren.“ Zuhause hört er am liebsten der Natur zu, wenn er mit dem Hund spazieren geht.

(Michael Scheiner/Mittelbayerische Zeitung v. 13.10.22)