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PUSH4

Rückschau auf das Popkultur-Festival vom 28. bis 30. Oktober

Popkultur wirkt wie ein Magnet – ein langes Wochenende zeigt die junge Szene wie sie tickt!

Das Push4 beweist es: Neben Bürgerfest und Jazzweekend kann das Popkulturfestival guten Gewissens als Dritte im Bunde der städtischen Großveranstaltungen verbucht werden. Die hier gebotene Gegenwartskultur entfacht jene Spannung, die es braucht, um eine von Fliehkräften geprägte Stadtgesellschaft zusammenzubringen. Pop wirkt dabei wie ein Elektromagnet. Entwickelt ästhetische Bindungskräfte. Und vermittelt Orientierung.  Popkulturbeauftragter Säm Wagner ist der „Erfinder“ dieses Konzepts. Vor rund 20 Jahren war er in Reykjavik unterwegs und erforschte dort die Abläufe, die sich bald zum Exportschlager entwickeln sollten. Das Reeperbahnfestival in Hamburg beispielsweise wandelt auch auf isländischen Spuren.

Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei freut vor allem, dass die gesamte freie Szene zusammenkommt: Denn das wirkt zum einen „identitätsstiftend nach innen“. Das „Push4Hundreds“ überschriebene Vorhaben, bei dem am Samstagnachmittag rund 100 Musiker mit Songs wie „Du Depp“ den Neupfarrplatz zur größten Livebühne der Stadt verwandeln, ist Beleg dafür. Gleichzeitig aber sind Effekte zu erzielen, die „gewinnbringend nach außen“ wirken: Am Freitag nämlich sendet der auf junges Publikum zielende Privatradiosender EgoFM vier Stunden lang live aus dem Degginger. Und verkündet so die von Regensburg ausgehende frohe Botschaft des Pop(kulturfestivals), hinaus in die Welt.
Eine weitere gute Nachricht, die sich wie ein roter Faden durchs Programm zieht, das ist der erkennbare Wille, Frauen jenen Gestaltungsraum zu bieten, auf den sie Anspruch haben. Davon zeugt der Samstagnachmittag im Degginger der mit Carolin Binder vom Kulturamt und Nicole Zwicknagel vom Netzwerk musicBYwomen ein Diskussionsforum bietet. Eine Performance der Singersongwriterin Nessa Tanas schließt sich an. Tags zuvor, da präsentierten die um ein weibliches Kerntrio herum gruppierten „Komets“ mehrstimmig ihren großartigen Akustik-Pop. Luisa Funkenstein dagegen stellt so etwas wie das musikalische Pendant dazu dar: Statt auf Soul vertraut sie als Mastermind mit ihrer Band auch stimmlich auf exaltierte Seeleninspektionen. Genau dazwischen: Die Moon Mates, mit ihrem euphorischen, ebenfalls vielstimmig vorgetragenen Powerpop um Sängerin Gloria Muschaweck.
Im M26 stehen keine Instrumente oder Mikros, sondern Stift und Pinsel im Mittelpunkt. Der VEB Strich und Druck, das paritätisch besetzte Kunstkollektiv, ist nachts illuminiert. So zieht es Passanten an, die in der Maximilliansstraße unterwegs sind. „Es war auch eine Gruppe Jahnfans da!“, erzählt Florian Toperngbong: „Einer von denen, der hat sich auf eine längere Diskussion über Malerei mit mir eingelassen. Er interessierte sich dafür, wie das so ist, mit den individuellen Stilen in einer Gruppe!“ Seine Kumpels hätten ihn schließlich kaum loseisen können, von diesem Gespräch über Kunst.
Aber vielleicht ist ja genau das eine der Zauberformeln: dass Menschen, in deren Alltag ästhetische Diskurse eher nachrangig sind, getriggert werden fürs Künstlerische. So, wie das auch Luzy Gerb und Lisa Langbein mit ihrer Serie „Erika ist keine Blume“ beabsichtigen: Angebote zu formulieren, auch an Laufkundschaften. Und Lebensläufe von Regensburgerinnen so zu erzählen, dass ihre handgezeichneten Comic-Ikonen zu Idolen wachsen.

Kulturreferent Wolfgang Dersch schätzt genau diese Aspekte: Im Leeren Beutel agiert er als Jurymitglied beim Protestsongwettbewerb. Und zeigt sich begeistert, über die poetische Vielfalt, die er da erleben darf. Beim Sieger Tobias Dellit lobt er dessen Fähigkeit zur Ironie. Am Weg durch die pulsierende Stadt erzählt er, wie sehr sich das nicht nur ideell lohnt. Sondern dass Geld, das in die Szene investiert werde, auch wieder zurück fließe. Jüngst, bei der Vergabe bundesweiter Fördermittel an Bands, da hätte die Landeshauptstadt 24 Stipendien abgesahnt. Das viel kleinere Regensburg dagegen rangiert mit 21 nur ganz knapp dahinter – und etabliert sich so als heimliche Pophauptstadt.

(Peter Geiger)