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Das frühere Ost-Label Amiga ist 75 Jahre alt geworden!

Mit „Hallo 22“ gibt es eine Kompilation zu DDR Funk und Soul von 1971-81

Kompiliert von Max Herre & Dexter, die diesen besonderen Abschnitt der Label-Historie beleuchten.

Das frühere Ost-Label Amiga ist 75 Jahre alt. Doch der Katalog dieses einflussreichen aus der DDR ist so relevant wie nie zuvor. Mit Max Herre und Dexter haben sich zwei wichtige Protagonisten der deutschen Hip-Hop-Szene daran gemacht, einen ganz besonderen Abschnitt der Label-Historie zu beleuchten: Die 1970er-Jahre. Eine Zeit, in der akademisch ausgebildete Musiker in hochwertigen Studios progressive, mutige Platten aufnahmen – mit emotionalen, lyrischen Texten und mit deutlichen Einflüssen aus der reichen Funk-, Soul-, Rock- und Blues-Tradition des Schwarzen Amerikas. Da trafen außergewöhnliche Songwriter wie Holger Biege, Hansi Biebl oder Uve Schikora auf großartige Sängerinnen wie Veronika Fischer, Uschi Brüning oder Regine Dobberschütz; mittendrin der charismatische Manfred Krug und an seiner Seite der Ausnahmekomponist und -arrangeur Günther Fischer. Sein Repertoire verdient eine eigene Werkschau, so vielseitig und reich waren seine Kompositionen nicht nur für Krug, sondern auch für die eigenen Bandprojekte sowie für Film und Fernsehen.

„Hallo 22“ setzt damit eine legendäre Reihe von Kompilationen auf Amiga fort. „Hallo Nr. 1“ erschien 1972, und so schließt sich ein Kreis über 50 Jahre. Doch Amiga wurde schon 25 Jahre früher gegründet, nämlich 1947 als „Lied der Zeit“. Die Ost-Berliner Plattenfirma veröffentlichte ursprünglich vor allem Aufnahmen des Schauspielers Ernst Busch. 1953 wurde sie in Volkseigentum überführt, 1955 in „VEB Deutsche Schallplatten“ umbenannt und dem Kulturministerium der DDR unterstellt. Fortan war sie das einzige Unternehmen mit einer Herstellungs- und Vertriebslizenz für Tonträger und einer zusätzlichen Monopolstellung beim Import und der Lizenzierung von ausländischen Tonträgern. Amiga, neben Eterna eines der beiden großen Labels der VEB Deutsche Schallplatten, veröffentlichte ein breites Repertoire von Volksmusik bis Musical, Schlager bis Chansons, Liedermacher bis Folklore und Jazz bis Rock/Pop. Das Label bestand nach der Wende weiter bis 1994. Seitdem wird das Repertoire von mehr als 30.000 Titeln (von 2200 Schallplattenproduktionen und 5000 Singles) von Sony Music vermarktet. Als Markenname für Veröffentlichungen von Tonträgern aus der DDR-Zeit wird Amiga weiterhin verwendet. Ursprünglich war Amiga ins Leben gerufen geworden, um eine „DDR-typische Kulturlandschaft“ im Sinne der SED-Führung zu entwickeln – ohne „dekadente westliche Einflüsse“. In der Praxis jedoch waren die DDR-Künstler spätestens ab den späten 1960er Jahren von Funk, Soul, Rock, Blues und anderen westlichen Musikrichtungen geprägt, wie man eindrucksvoll auf „Hallo 22“ hört. Ganz offensichtlich hielt sich die direkte Einflussnahme der SED-Parteiführung auf das Amiga-Programm sehr in Grenzen, auch wenn einzelne Musiker durchaus von Einschränkungen berichten, was etwa die textliche Gestaltung anging. Sie mussten sich subtile, kreative Wege einfallen lassen, um kritische Botschaften geschickt zu chiffrieren.

So ist „Hallo 22!“ zu einer beeindruckenden Werkschau geworden, die vor allem die hohe Qualität der DDR-Produktionen der 1970er-Jahre in den Mittelpunkt rückt. Hier spielen mehrere Faktoren eine wichtige Rolle: Einerseits musste man als Berufmusiker in der DDR eine »Spielerlaubnis« erwerben, und diese Lizenz bekam man meist nur, wenn man an einer der vier Musikhochschulen Ost-Deutschlands studiert hatte. Daraus resultiert eine gewisse Grundvirtuosität der Musiker*innen, die oft Einflüsse aus komplexeren Musikrichtungen wie Jazz, Klassik und Progressive Rock einbrachten. Außerdem hatte Amiga als Quasi-Monopolist einen Zugriff auf staatliche Mittel, was die Einrichtung von Studios auf höchstem Qualitätsstandard der Zeit ermöglichte. Viele der Amiga-Produktionen aus jener Zeit klingen auch heute noch unglaublich hochwertig. Interessanterweise spielten Frauen in der damaligen DDR-Musikszene offenbar eine wichtigere Rolle als im vermeintlich emanzipierten Westen. Während man die relevanten weiblichen Künstlerinnen der BRD in dieser Zeit noch an einer Hand abzählen konnte, war es kein Problem, die Titelliste dieser Kompilation zumindest auf stimmlicher Ebene nahezu paritätisch zu besetzen. Dieser Aspekt spielte für Max Herre und Dexter eine entscheidende Rolle nicht nur bei der Auswahl der Songs, sondern auch beim Sequencing. Nicht zuletzt war es ihnen wichtig, einen Querschnitt der musikalischen und inhaltlichen Vielfalt auf Amiga zu bieten – von Funk und Soul über rockige und bluesige Nummern bis hin zu Produktionen mit Soundtrack- und Library-Charakter. „Hallo! 22“ ist eine liebevolle Zusammenstellung von 18 Songs, handverlesen von Max Herre und Dexter, die hiermit eine spezielle Ära des Amiga-Katalogs zelebrieren: DDR-Funk und Soul der 1970er-Jahre, vielseitig und progressiv, qualitativ ambitioniert und emotional tiefgehend. Der Kompilation liegt eine exklusive 7-Inch bei, auf der Max Herre und Dexter zwei Songs der Amiga-Ära neu bearbeitet haben. Auf der A-Seite gibt es ihre ganz eigene Version des Panta-Rhei-Klassikers »Aus und vorbei« zu hören: Max gibt den Storyteller, während Dexter das rohe Rock-Break des Originals auf jene unnachahmliche Weise loopt, das ihn in die Nähe von US-Kollegen wie The Alchemist oder Madlib rückt. Die B-Seite »Es war nur ein Moment« ist ein tiefgründiger, melancholischer Song, in dem Max verschiedene Episoden seiner Karriere und seines Privatlebens rückblickend verarbeitet. Der musikalische Loop stammt aus einem Titel von Manfred Krug und Günther Fischer (»Das war nur ein Moment«). (Amiga/Sony Music) P.Ro