altemaelze

Autofiction

Suede

Sie waren Wegbereiter des Britpop. 30 Jahre später hat Brett Anderson kein Interesse daran, mit seiner Band nur die alten Hits zu spielen. Mit „Autofiction“ zeigen Suede, dass das auch nicht nötig ist.

Was macht eine Band in der Pandemie, wenn das Spielen auf der Bühne nicht möglich ist? Die wahrscheinlichste Möglichkeit: Sie geht ins Studio und spielte neue Songs ein. Das haben auch die Britpop-Pioniere von Suede getan, allerdings bereits bevor covid-19 zuschlug, und veröffentlichen Mitte September mit „Autofiction“ ihr neuntes Studioalbum mit elf neuen Songs als Nachfolger für „The Blue Hour“. Insgesamt vier Jahre haben die Arbeiten daran gedauert, aber Studio-Exzesse waren bestimmt nicht der Grund für diese verhältnismäßig lange Album-Pause bei Suede. Im Gegenteil, für die Arbeit an den Songs bezogen Brett Anderson, Mat Osman, Simon Gilbert, Richard Oakes und Neil Codling ein leeres Proberaum-Studio in London und starteten ohne großen Masterplan mit der Arbeit. Laut Anderson eine Vorgehensweise, die sich direkt auf die entstandene Musik ausgewirkt hat. „Autofiction“ bezeichnet die Band sogar als ihre „Punk-Platte“. „Ohne jeden Schnickschnack. Nur wir fünf in einem Raum mit all den Pannen und Fehlern, die eben passieren; die Band selbst in all ihrem ursprünglichen Chaos.“

Während die Songs auf dem 2018er-Album „The Blue Hour“ aus Sicht der Band durchaus experimentell waren, sollte das diesmal anders werden. „Wir wollten einfach keine verkopfte Musik mehr machen“, sagt Brett Anderson, „‚The Blue Hour‘ ist absichtlich ein wenig obskur, was letztlich brillant ist, denn es gibt dir etwas, von dem du zurückkommen kannst.“ Suede wollten einerseits eine Art Reaktion auf „The Blue Hour“ schreiben, die genauso scharfsinnig war wie der Sprung vom grandiosen „Dog Man Star“ zu „Coming Up“, hatten aber anderseits auch das Gefühl, dass es nach zwei hochgelobten Dokumentarfilmen, den ‚klassischen Alben‘, Greatest Hits-Touren und dem nahenden 30-jährigen Jubiläum der Debütsingle „The Drowners“ an der Zeit war, nach vorne zu schauen.
Suedes Ziel für ihr neuntes Studioalbum war es, etwas zu kreieren, das die Kraft der Band widerspiegelte, die sie
bei Live-Auftritten entwickeln – etwas, das sie ihrer Meinung nach im Laufe ihrer 30-jährigen Karriere nicht geschafft haben. „Es stellt sich eine seltsame Trägheit im Studio ein, so dass es oft nur noch um das Mikroskopische, die Technik und die Musikalität geht, und das ist etwas, was ich wirklich aus dem Weg räumen wollte“, erklärt Anderson. „Es war ein Versuch, den ganzen Dreck und den Lärm und die Naivität einer Live-Band zu erzeugen und das einzufangen.“ Das Ergebnis dieser Sessions kommt dazu mit einer Lebendigkeit daher, die roh und voll knisternder Energie ist – so endet „She Still Leads Me On“ beispielsweise mit einer weitaus höheren Geschwindigkeit als es beginnt, „That Boy On The Stage“ schlingert in einem klassischen Suede-Swagger, „Shadow Self“ wird von einer einzigartigen Bassline angetrieben, die sich mit nichts vergleichen lässt, was die Band sonst so im Repertoire hat. Es ist eine wilde, beschwingte Platte geworden, die zwar nicht wie die wilden frühen Singles von vor 30 Jahren klingt, aber dennoch viel von der gleichen hungrigen Energie in sich trägt. „Die Songs sind ziemlich thrashig und es ist einfach aufregend, sie zu spielen“, sagt Osman, „manchmal werden die Songs beim Aufnehmen zu einem Puzzle, das man lösen muss, aber dieses Mal war es anders – es ging einzig darum, die beste Performance herauszuholen. Es ist eine sehr physische Platte – die letzten beiden waren eher zerebral und emotional, aber diese hier ist eine Explosion von Lärm. Alle paar Jahre willst Du einfach diesen Nervenkitzel, eine fröhliche Rock’n’Roll-Platte zu machen.“ Die Band bezeichnet „Autofiction“ sogar als ihr nach „Night Thoughts“ und „The Blue Hour“, die sich mit den Ängsten und Sorgen des Elternwerdens auseinandersetzten, persönlichstes Album. Wenn der jetzt darüber nachdenkt, sagt er, dass der Prozess des Schreibens der gefeierten Memoiren „Coal Black Mornings“ und „Afternoons With The Blinds Drawn“ ihm geholfen hat, eine Perspektive auf sich selbst als Künstler und Sänger in der Öffentlichkeit zu bekommen. „Bei ‚Afternoons With The Blinds Drawn‘ ging es vor allem darum, sich mit der Person Brett Anderson auseinanderzusetzen und sie zu erkennen“, sagt er. „Ich fand es faszinierend zu schreiben, weil ich mich auf die Weise mit vielen Dingen beschäftigt habe, mit denen ich mich zu der Zeit noch nicht befasst hatte.“ Er räumt ein, dass er jahrelang gezögert hatte, sich einzugestehen, dass es eine solche Persona gab, bis er in der Lage war, Abstand davon zu gewinnen. „Es war wirklich interessant, all diese mentalen Mechanismen zu entdecken, die ablaufen, wenn man in einer Band ist“, sagt er. „Ich habe versucht, es als eine wirklich ehrliche Beobachtung dessen zu schreiben, was mir passiert ist, als ich durch diese Maschinerie des Ruhms ging.“ So ging aus einer Session „She Still Leads Me On“ hervor, der Song, der „Autofiction“ neu definieren sollte. Ein wunderschönes Lied, das Brett für seine verstorbene Mutter geschrieben hat und ein kühner Album-Opener. Osman beschreibt ihn als „überschwänglich“ und Oakes ergänzt: „Wenn Suede überschwänglich sind, tendieren sie tatsächlich eher zum Ursprünglichen. Obwohl gerade die ganze Welt stehengeblieben war, waren wir doch in der Lage, etwas Fröhliches und Hoffnungsvolles zu schreiben“. Diese Ursprünglichkeit führt dazu, dass „Autofiction“ ein sehr persönliches Album geworden ist. Und überhaupt scheint das Schreiben seiner Autobiografie den 54-Jährigen noch reflektierter gemacht zu haben. Jedenfalls gelingt Suede mit „Autofiction“ ein mehr als würdiger Nachfolger zu ihren gefeierten letzten Alben. Darauf wartet man zur Not auch etwas länger. (BMG) P.Ro

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