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Mittagsstunde

Regie: Lars Jessen

Das wortkarge, stimmungsvolle Drama bietet großes Kino, wird von den Leistungen der hervorragenden Schauspieler getragen, die ihre Charaktere authentisch wirken lassen, mit ihren individuellen Eigenarten und ihrer Menschlichkeit.

Im Kino gibt es immer wieder wunderbare Gelegenheiten, Einblicke in uns fremde Welten und Kulturen zu erlangen. Allerdings müssen sich diese gar nicht zwangsläufig auf der anderen Seite des Globus befinden, sondern können auch schon mal quasi vor der eigenen Haustür liegen. Dank des Erfolgs der Eberhofer-Krimireihe wissen ja mittlerweile selbst Flensburger und Rostocker, wie die niederbayrische Provinz so tickt. Nun ergibt sich die Chance das im Kino bisher eher vernachlässigte ländliche Nordfriesland kennenzulernen. Denn genau dort liegt das fiktive Dorf Brinkebüll, das die heimliche Hauptfigur dieses Films ist, wo es um die Flurbereinigung der 1970er Jahre und das Sterben der Dorfgemeinschaften geht, in der sich das Land in eine bequem mit dem Auto zu erreichende Schlafstätte für Zugezogene verwandelt hat. Grundlage für diesen Film ist der Roman von Dörte Hansen  „Mittagsstunde“. Mit Charly Hübner, der ähnlich wie Sebastian Bezzel als Franz Eberhofer, seine Figur des Dozenten an der Kieler Uni prägt, der sich schon länger fragt, wo eigentlich sein Platz im Leben sein könnte, hat Lars Jessen die Geschichte stimmungsvoll verfilmt.

Zur Story: Als seine Großmutter Ella (Hildegard Schmahl) zusehends verwirrter wird und sein Großvater Sönke (Peter Franke) sich einfach nicht von seiner Kneipe, dem Dorfkrug, trennen will, sieht der 47-jährige Ingwer Feddersen (Charly Hübner) die Zeit gekommen, wieder in sein Heimatdorf zurückzukehren. Der Dorfkrug ist nicht mehr das, was er einst war – doch das trifft auf das ganze Dorf zu. Ingwer fragt sich, wann genau der Zeitpunkt war, an dem es mit dem Dorf Brinkebüll bergab ging? War es in den 1970ern, als nach der Flurbereinigung die Hecken und dann auch die Vögel verschwanden? Als immer größere Landwirtschaftsbetriebe gebaut wurden, sodass kleinere weichen mussten? Ist vielleicht er schuld, weil er seinen Großvater mit der Gastronomie alleine ließ, um in Kiel zu studieren?

Die Rückkehr eines Mannes in das nordfriesische Dorf seiner Kindheit gerät zur komplizierten Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. Das wortkarge, stimmungsvolle Drama bietet großes Kino, wird von den Leistungen der hervorragenden Schauspieler getragen, die ihre Charaktere authentisch wirken lassen, mit ihren individuellen Eigenarten und ihrer Menschlichkeit.  Dieser Film ist per se nicht darauf aus, dürfte aber dennoch Menschen aus anderen Ecken der Republik helfen, die oft als verschlossen oder gar abweisend geltende „norddeutsche Art“ zu verstehen. Dabei ist er streckenweise urkomisch, dann wieder zum Heulen traurig und durchgehend mächtig unterhaltsam. Eine große Besonderheit der Verfilmung ist die Sprache. Wie im Roman sind die Dialoge der Bewohnerinnen und Bewohner aus Brinkebüll op platt. Dafür hat Dörte Hansen am Set öfter mit der Aussprache geholfen, so soll das gesprochene Plattdeutsch den richtigen Brinkebüller Klang bekommen. Es gibt allerdings auch eine hochdeutsche Version, darum wurden viele Szenen doppelt gedreht. Welche Version im Kino ausgestrahlt wird, können die Betreiberinnen und Betreiber selbst entscheiden – am 22. September ist bundesweiter Kinostart.

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