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Die Rache der She-Punks

Vivien Goldman

Broschur, 2021, Ventil Verlag, 224 Seiten, 20 Euro
Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von Vojin Saša Vukadinovic.

Da die Geschichtsschreibung des Punk eine überwiegend männliche ist, war eine „Punkgeschichte“ aus feministischer Perspektive längst überfällig. Denn im Punk und besonders im Post-Punk von Mitte er 70er bis Anfang der 80er Jahre sind erstmals in der Popgeschichte verstärkt Frauen in Erscheinung getreten, nicht nur als „Frontfrauen“, sondern auch als Instrumentalistinnen. Verfasst wurde diese feministische Abrechnung von keiner geringeren als der Post-Punk-Pionierin Vivien Goldman, die aufgrund ihrer Arbeit als Musikerin (unter anderem als eine der Sängerinnen der experimentellen britischen New-Wave-Band The Flying Lizards) und Musikjournalistin eine Insider-Perspektive besitzt. Heute lehrt sie als Professorin für Punk, Afrobeat und Reggae in New York.

Es geht in diesem episodisch aufgebauten und sich gleichwohl durch einen guten durchlaufenden Flow auszeichnenden Buch nicht in erster Linie darum, Musik zu kartieren; die stilgeschichtliche Analyse spielt, soweit überhaupt, eine eher beiläufige Rolle. Vor allem erzählt Goldman von Haltung und von einem Geist, der nach der Bildung einer Gemeinschaft trachtet. Entlang vier Themenfeldern – Identität, Geld, Liebe und Protest – begibt sich die „Punk-Professorin“ auf die Suche nach empowernden Momenten, die Punk speziell für Frauen birgt. Goldman schreibt viele ihrer Punk-Genossinnen in den Kanon hinein – für dieses Buch hat sie ausführliche Gespräche, u. a. mit Patti Smith, Tamar-kali, Poly Styrene oder Kathleen Hanna, geführt. „Die Rache der She-Punks“ zeichnet eine feministische Musikgeschichte, in der die weiblichen Perspektiven im Punk mit all ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen ihren Platz finden. Wie sich diese Geschichte anhört, zeigt eine Auflistung thematisch passender Songs zu jedem Kapitel, die den Soundtrack zu Goldmans Ausführungen bilden. Das Buch bietet eine Vorlage, um einen Weg durch das patriarchalische Labyrinth der Musikindustrie zu finden, indem es die Hintergrundgeschichten von mehr als drei Dutzend Songs von Frauen nicht nur aus den anglophonen Ländern, sondern auch aus Afrika, der Karibik, Asien sowie Ost- und Kontinentaleuropa erzählt. Gemeinsam zeigen sie, wie Mädchen auf der ganzen Welt, die keine oder nur wenige Vorbilder haben, Wege gefunden haben, Blockaden zu überwinden und selbstbewusste Musikerinnen zu werden, die mit Traditionen und Erwartungen brechen und mit jedem Akkord neue Maßstäbe setzen.

Übrigens hat Goldman, inspiriert vom Buch, dazu jetzt eine Compilation zusammengestellt und mit Liner Notes versehen. Pünktlich zum Erscheinen dieser Platte wird sie aus den USA nach Deutschland kommen, um aus ihrem Buch zu lesen, z.B. am 8. September in München im Liveclub „Rote Sonne“.

Hier ist die Setlist der Compilation, die am 2. September erscheint:

  1. Tanya Stephens – Welcome To The Rebelution
  2. Au Pairs – It’s Obvious
  3. X-Ray Spex – Identity
  4. Fea – Mujer Moderna
  5. The Bags – Babylonian Gorgon
  6. Fertil Miseria – Visiones De La Muerte
  7. Crass – Smother Love
  8. Rhoda with The Special AKA – The Boiler
  9. Jayne Cortez and the Firespitters – Maintain Control
  10. Skinny Girl Diet – Silver Spoons
  11. Big Joanie – Dream No 9
  12. Malaria! – Geld
  13. The Slits – Spend, Spend, Spend
  14. Poison Girls – Persons Unknown
  15. Bush Tetras – Too Many Creeps
  16. Grace Jones – My Jamaican Guy
  17. Patti Smith – Free Money
  18. Tribe 8 – Checking Out Your Babe
  19. Cherry Vanilla – The Punk
  20. Blondie – Rip Her to Shreds
  21. Sleater-Kinney – Little Babies
  22. The Selecter – On My Radio
  23. Mo-Dettes – White Mice
  24. Shonen Knife – It’s A New Find
  25. The Raincoats – No One‘s Little Girl
  26. Vivien Goldman – Launderette
  27. Zuby Nehty – Sokol
  28. Neneh Cherry – Buffalo Stance