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Lucas Santtana Trio

Kritik zum Konzert am 30. Juli im Thon Dittmer Palais in Regensburg

Die heilende Wirkung des Tropicalismo – der aus São Salvador da Bahia stammende Lucas Santtana nährt sich aus allen musikalischen Quellen, die zur Verfügung stehen.

Will man im Bayerischen den Namen eines Fremden erfahren, so fragt man traditionellerweise danach, wie er sich „schreibt“. Dieser idiomatische Trick – wer weiß, ob es ihn im brasilianischen Portugiesisch auch gibt? – er sorgt dafür, dass hier am Abend des letzten Juli-Samstags im Innenhof des Thon Dittmer-Palais beim Klangfarbenfestival keine Verwechslungsgefahr aufkommen kann. Denn der hier mit seinem Trio gastierende Santtana ist keiner, den man nur mit einem „t“ schriebe. Weshalb Lucas – so der Vorname des 1970 in São Salvador da Bahia geborenen Gitarristen – im Gegensatz zu Carlos auch keinen Samba für uns im Gepäck hat. Sondern eine ziemlich bunte Mischung, die zwar erkennbar grün-gelb-blau grundiert ist und damit das Wasserzeichen des größten Landes Südamerikas in sich trägt. Gleichzeitig aber ist der agil und jungenhaft auftretende 51-Jährige – mit seinem lustigen Hütchen und der schwarzen Hornbrille wirkt er eher wie eine dem Jungbrunnen entstiegene Version von Elvis Costello – von all den Einflüssen geprägt, die die internationale Popmusik an Neuerungen erfahren hat, seit den Reformanstrengungen der 1970er Jahre. In seinen Twenjahren, als Lucas Santtana erstmals auftauchte und Legenden wie Caetano Veloso oder Gilberto Gil begleitete, da galt er in seinem Heimatland als „Wunderkind“.

Die erste dreiviertel Stunde steht Lucas Santtana ganz allein auf der Bühne. Auf seiner akustischen Gitarre steht zu lesen: „This Machine heals Fascists“. Das ist – bei aller Ernsthaftigkeit der Aussage – eine augenzwinkernde Anspielung, ein der Historie entliehener Hinweis, adressiert in die Gegenwart seines Heimatlandes. Woody Guthrie hatte 1943, mitten im Krieg, in einem Talking Blues nicht nur Hitlers Kopf gefordert. Auf dem Korpus seiner Gitarre prangte in Großbuchstaben: This Machine kills Fascists! Jetzt bedarf es keiner tiefergehenden politischen Kenntnisse, um zu wissen, dass der im Oktober seine Wiederwahl anstrebende Präsident Brasiliens, dass Jair Bolsonaro, seinerseits in gesellschaftspolitischen Bereichen mit rechtsextremen Positionen, ja, liebäugelt. Und dass er die von 1964 bis 1985 währende Ara der Militärjunta auch schon als „Glorreiche Epoche“ bezeichnet hat. Mit anderen Worten: Auf Bolsonaro scheint gemünzt zu, was Lucas Santtana hier mit seiner akustischen Gitarre hinlegt, in aller musikalischen Lässigkeit und politischen Ernsthaftigkeit. Auch wenn der Name des Präsidenten keine Erwähnung findet (und auch der seines Gegenkandidaten Lula nicht), dieses erste Set, es endet mit einer Coverversion – mit „Fool on the Hill“ von den Beatles – das wie die Faust zu passen scheint, aufs blaue Auge Brasiliens. Sergio Mendez hat zeitgenössisch schon das Brazil-Potential dieses grandiosen Songs freigelegt, den Paul McCartney während der Indienphase dem in seinen Augen etwas närrischen Guru Maharishi Mahesh Yogi auf den Leib geschneidert hat – und Lucas Santtana haucht diesem Klassiker aus Liverpool ziemlich kongenial erneut tropicalistischen Geist ein.

Im zweiten Set verstärken Drummer James Miller und Caetano Malta am Bass und Keyboard diese Bemühungen – und sorgen dafür, dass im Innenhof die rund 200 Gäste von den Stühlen aufstehen und tanzen. Tags zuvor, als das Trio beim Bardentreffen gastierte, erzählt mir mein Sitznachbar, hätten technische Schwierigkeiten die Spielfreude erkennbar beeinträchtigt. Hier in Regensburg läuft alles wie am Schnürchen. Und stilistisch ist das, wie bereits angedeutet, sehr breit angelegt. Mal meint man, die britischen Popveredler Prefab Sprout herauszuhören. Dann ertönen Robert Forster-inspirierte Gitarrenklänge. Und später huldigt das ungeheuer spielfreudige Trio den Echokammern des Dub.

Und führt so vors Ohr: Der Tropicalismo schreibt sich fort. Und kann seine heilsame Wirkung am intensivsten entfalten, wenn er sich speist, aus allen zur Verfügung stehenden Quellen. (Peter Geiger)

 

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