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Vita Nova

Vita Nova

Die 1971 in München von der Gruppe „Vita Nova“ herausgebrachte einzige und gleichnamige Langspielplatte ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Ein Grund dafür dürfte unter anderem die nur sehr kleine Auflage von 500 Stück auf dem österreichischen Label Life Records sein. Dieser Umstand sowie die inhaltliche Aktualität und die regionale Nähe geben Anlass dazu, „Vita Nova“ für die August-Ausgabe von „From The Vaults“ vorzustellen.

„Quomodo manet pax in terra et quando malum finietur…“ (Wie kann die Welt in Frieden bleiben? Wann wird das Böse nicht mehr sein?), schmettern die ersten auf lateinisch verfassten Sätze unter aufregendem Klanggetöse entgegen. Eine Botschaft, die angesichts der jetzigen politischen Lage aktueller denn je ist. Sie stammt jedoch bereits aus dem Jahre 1971, einer politisch, aber auch kulturell nicht minder aufgewühlten Zeit.

Es war genau in jener Zeit, als sich die drei bis dahin nicht unbekannte und unerfahrene Musiker Eddy Marron (später Dzyan), Sylvester Levay und Christian von Hoffmann für ihr Projekt „Vita Nova“ zusammentaten. Im Übrigen sollte es ein Projekt bleiben, die Band trat niemals auf, agierte also nur im Studio. Vielleicht verfolgten sie das Ziel, mit ihrer Musik und den vermittelnden Inhalten ihren Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Was die Gruppe definitiv verfolgte, war es, ihren Beitrag zum progressiven Zeitgeist in der Musik zu leisten. Besser gesagt, etwas ganz Neues zu schaffen, wie es das „Nova“ im Bandnamen bereits impliziert. Und für musikalische Innovationen waren bei der Gruppe „Vita Nova“ beste Voraussetzungen gegeben. Zunächst befand sich die Gruppe im richtigen Kontext, im progressiven Zeitgeist. Dazu kam das nötige professionelle Handwerkszeug. Alle drei Mitstreiter waren bereits seit Kindes- und Jugendzeit musikalisch gebildet, Marron studierte an einer Musikhochschule Konzertgitarre und Levay Musik. Nicht zu vergessen sind auch ihre Engagements in diversen Musikgruppen. Neben einem ausgefallenen Instrumentarium fehlte schließlich nur noch die entsprechende Haltung, also ein freier und zwangloser Umgang mit der Musik, der nötige Ideenreichtum und die Lust am Experimentieren. Doch auch dies brachten sie ganz offensichtlich hörbar mit ins Studio, laut eigenen Aussagen war dies auch die Intention für das Projekt.

Wie gesagt, das Wörtchen „Nova“ sollte der Hörer Ernst nehmen: Alles fängt schon bei der ungewöhnlichen Sprachwahl an, mit der man zurück in die Antike versetzt wird. Insgesamt überwiegen die Instrumentalstücke, dennoch gibt es drei auf Latein verfasste Stücke, eine Übersetzung auf dem Cover inklusive. Die Botschaften, die durchaus christliche Grundgedanken in sich tragen bzw. teilweise an die Liturgie angelehnt sind, sollen schließlich von jedem verstanden werden. Auch das bekannte Rockinstrumentarium wird mit ungewöhnlichen Instrumenten ergänzt, was dem Ganzen natürlich eine besonders innovative Klangfarbe verleiht: So kommen neben einer elektrischen Orgel auch ein Hohner Clavinet zum Einsatz, dessen Klang einem elektrischen Spinett ähnelt, aber auch eine Zaz und diverse Percussioninstrumente. Auf der B-Seite ist sogar mehrfach eine große Kirchenorgel aus Altötting (inklusive Glockengeläut) zu hören. Das waren nun die Vorbedingungen, doch wie sieht es jetzt mit dem Klangergebnis an sich aus?  Dies in würdige Worte zu fassen, ist jedenfalls keine einfache Angelegenheit. Es wird experimentiert, improvisiert (mal ziemlich rockig, mal jazzig, mal fernöstlich), der Spielfreude wahrlich freien Lauf gelassen. Auch das gekonnte Spiel mit Kontrasten muss unbedingt hervorgehoben werden, von Stück zu Stück, aber auch innerhalb derer. Jedes Stück wartet mit einer anderen klanglichen Überraschung auf, die Platte glänzt von Vielseitigkeit und Ideenreichtum. Mal satt rockig, aufgeheizt, dann wieder sehr rhythmusbetont, märchenhaft-schwelgerisch, leicht psychedelisch, fernöstlich und an manchen Stellen ziemlich sakral. Von dieser Bandbreite zeugen auch bereits die Titel der einzelnen Stücke, wie beispielsweise „Adoramus“, „Whirl Wind“, „Instanbul“ oder „Tempus est“. Zusammenfassend klingt es so, als hätten die Musiker endlich alles aus sich rausspielen können, was sie in ihrer langen Musikererfahrung aufgesaugt haben oder schon immer einmal tun wollten.

Damit besticht „Vita Nova“ durch und durch mit kreativen und ungewöhnlichen Ideen, Innovationen und Kontrasten. Sie kann eindeutig in den damaligen progressiven zeitlichen Kontext eingeordnet werden, dennoch übertrifft ihr großer Reichtum so manch andere bekannte Krautrockplatte. Diese Botschaft jedenfalls, dürfte der geneigte Hörer nach einem Durchgang nicht überhört haben. (NiKu)

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