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Perfekte Schönheit, verstörende Finsternis

Am Sonntag, den 31. Juli kommen die Elektrogötter von „Orchestral Manouvres in the Dark“ auf die Piazza im Gewerbepark

Peter Geiger sprach mit Andy McCluskey

Eigentlich hat Andy McCluskey alles erreicht, was dazugehört, zu einer rundum gelungenen Pop-Biographie. Dass die Nennung seines Namens aber kein unmittelbares Fan-Kreischen auslöst, das scheint ihn, den ausgeschlafenen Mittsechziger, ganz und gar nicht zu stören. Denn die Stimme von „Orchestral Manouvres in the Dark“, verstand es über die Jahrzehnte, sich einzugliedern, in die Bandformation.

Im Telefoninterview präsentiert er sich ebenso auskunftsfreudig wie bescheiden – und verdoppelt glatt die vorgesehenen 20 Minuten Gesprächszeit, weil es ihm offenkundig große Freude bereitet, sich zurückzuerinnern. Und einzutauchen in jenes Liverpool der Mittsiebziger, als er elektronische Musik aus Deutschland für sich entdeckte und sich für Kunst begeisterte. Als er und sein Kumpel Paul Humphreys Teenager waren, da war nicht viel übrig geblieben, vom Glanz der Beatles, von Penny Lane, Strawberry Fields und Merseybeat. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ attestierte der Hafenstadt im Westen der Insel, sie sei wie „ein Rolls-Royce, dem das Benzin ausgegangen ist“.

Auch Andy McCluskey hat diese Jahre als „fürchterlich und schrecklich“ in Erinnerung. Und mit Beginn der Regierungszeit von Margret Thatcher hätten sich die Verhältnisse weiter verschlechtert. Der Hässlichkeit ihres Alltags versuchten die Freunde zu entfliehen, indem sie sich nach dem Kontinent sehnten. In ihrem Lieblingsplattenladen „The Probe“ in LIverpool, da gab es einen Schrank mit Importen aus Germany – und der enthielt mit den Neuerscheinungen von „Kraftwerk“, von „Neu“ oder „La Düsseldorf“ jenen synthetisch generierten Stoff, nach dem sie beide bald süchtig sein sollten.

Andy McCluskey erinnert sich auch knapp 50 Jahre später noch sehr gut daran, als er bei BBC One erstmals „Autobahn“ hörte, jenes 22minütige Hohelied auf die Mobilität. Wie da gleich zu Beginn eine roboterartige Stimme den Titel in Wiederholungsschleife nennt. Und dann Sequencer den Rhythmus vorgeben. „Das war Musik von einem anderen Stern!“ Während ihre Schulfreunde ganz scharf waren auf das, was Genesis oder die Eagles an Neuigkeiten auf den Markt brachten, zogen sich Andy und Paul an Samstagnachmittagen im „Backroom“ (jenes hintere Zimmer in einem typischen britischen Reihenhaus, das Kreativität befördert, weil es keinen Repräsentationszwecken dient) zurück, um sich ihren musikalischen Experimenten zu widmen. Paul produzierte mit einem alten Röhrenradio Geräusche, die möglichst fremdartig klingen sollten. Und Andy, der Rechtshänder, begleitete diese Klänge an seinem Linkshänderbass. Er, der 16-Jährige, der auf der falschen Seite des Mersey-River der Sohn eines schottischen Kommunisten, konnte sich kein anderes Instrument leisten.

Heute, da er nicht nur auf die Karriere mit OMD, sondern als Erfinder von Atomic Kitten auch auf Chartserfolge als Produzent zurückblicken kann, hat er in seinem „Sleeping Room“, wie er sagt, ein Studio, das es ihm gestattet, einer Bassdrum rund 2000 verschiedene Klänge zu verleihen. Und weil Andy McCluskey ein kluger und sensibler Mensch ist, schließt er den Gedanken damit, dass die Vielzahl der Möglichkeiten, die die digitale Welt eröffnet, auch über dunkle, kreativitätshemmende Kräfte verfügten. Auch wenn er’s nicht explizit sagt: Aber ganz bestimmt sehnt er sich manchmal zurück, in den Backroom, als begrenzte Möglichkeiten ihm und seinem Kumpel genügten, neue Soundwelten zu erkunden.

Der Rest ist eh History: Andy und Paul waren gerade keine Teenager mehr, als sie mit „Enola Gay“ (darin schildern sie zum klackernden Beat eines Geigerzählers den Abwurf der ersten Atombombe aus Sicht der Flugzeugbesatzung) ihren ersten Hit landeten und musikalisch das vorformten, was später als Techno die Clubs dieser Welt beherrschen sollte. Und ein Jahr später, 1981, da landeten sie erneut einen Welthit: In „Joan of Arc“, jener von gegensätzlichen Takten getragenen Ballade, verschmolzen sie zu verstörenden Maschinenklängen Melodie und Rhythmus auf zauberhafte Weise miteinander. Und errichteten der französischen Nationalheiligen Johanna von Orleans – ihren Kampf gegen die englische Okkupation hatte sie auf dem Scheiterhaufen büßen müssen – ein Klangkunstwerk für die Ewigkeit. Die charismatische Stimme von Andy McCluskey verursacht bis heute Gänsehaut.

Wenn OMD also am letzten Julisonntag auf der Piazza im Gewerbepark gastieren, besteht die einmalige Chance, Elektronikgöttern zu begegnen, die auf Augenhöhe mit Depeche Mode, den Pet Shop Boys oder Soft Cell agieren. Und alles gelernt haben, von ihren deutschen Vorbildern.

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