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Tiny Moment

The Moon Is No Door

Die Berliner Avantgarde-Komponistin Stepha Schweiger dürfte erfahrenen (und älteren) Regensburger Szene-Kennern duchaus noch geläufig sein. Musikalisch war die gebürtige Schierlingerin ja auch einige Jahre in Regensburg aktiv, Ende der 80er als Mitglied der Band Sex Trash. Jetzt gibt es mit „The Moon Is No Door“ eine neue Band, wieder mit Musikern aus der Region.

Die Berliner Avantgarde-Komponistin Stepha Schweiger dürfte erfahrenen (und älteren) Regensburger Szene-Kennern duchaus noch geläufig sein. Musikalisch war die gebürtige Schierlingerin ja auch einige Jahre in Regensburg aktiv, Ende der 80er als Mitglied der Band Sex Trash. Die waren ja bekanntlich die Vorläufer-Band von Baby You Know, in der auch Robert „Pepe“ Pöschl Bass spielte und Schweiger anfangs dabei war. Und mit dem ist sie bis heute in Kontakt geblieben. Mit ihm und zwei anderen bayerischen Musikern, dem Regensburger Manfred Schimchen (vocals, guitar) und Maex Huber (drums) aus Niederbayern, veröffentlichte sie vor etlichen Jahren eine EP. Mit Pepe, Schimchen und Huber gründete sie dann vor fünf Jahren sogar eine neue Band: Girls on Catfish. Dann war es lange ruhig in Schweigers „Rock“-Leben, sie konzentrierte sich auf experimentalle Musiktheater-Arbeit, doch jetzt steht mit „The Moon Is No Door“ eine neue Band in den Startlöchern, wieder mit Pöschl und Huber, dazu kommt noch Adam Goodwin am Kontrabass. Mit diesem neuen Bandprojekt beschäftigt sich die Musikerin (Gesang, Piano, Synthesizer) mit Gedichten von Katherine Mansfield. Damit hatte sich Schweiger bereits zuvor mit zwei Soloalben auseinander gesetzt, findet damit jetzt aber eine neue musikalische Richtung, denn laut Schweiger „brauchte die neue Auswahl aus Mansfields Texten eine Band, die härter, kantiger und kräftiger klingt, außerdem hatte ich große Lust, wieder was mit Band zu machen“. Auf „Tiny Moment“ führt sie erneut Mansfield-Gedichte (acht der neun Songs basieren darauf) und Ausschnitte eines Texts von Virginia Woolf in ihren Kompositionen zu spannenden, absurd bis magisch klingenden Songs zusammen. Über ihre Arbeitsweise sagt Schweiger: „Ich möchte nicht nur ein Beiwerk zu einem Gedicht schaffen, sondern ich will zunächst einen möglichst stark mit dem Gedicht verschmelzenden musikalischen Gegenpol kreieren, von dem aus ich das Gedicht wiederum betrachten, spüren, hören, verstehen kann, und dabei begreife ich jedes Mal wieder was Neues, auch über das Gedicht. Das ist ein reziproker Kompositionsprozess der Annäherung zwischen Musik und Text. Aus diesen Bewegungen heraus, also der größten Differenz bis hin zu einer möglichst starken Vereinigung von Musik und Text entsteht letztlich die Komposition möglichst autark.”

Katherine Mansfield, eine neuseeländisch-britische Schriftstellerin, entwarf für sich vor mehr als hundert Jahren bereits ein privat sowie beruflich selbstbestimmtes Lebensmodell. Diese Selbstbestimmtheit übertrug sie in ihr Werk. Themen der Stücke sind die Eigenwahrnehmung als Frau in der Gesellschaft, die Verankerung in diversen Beziehungen und das Erspüren der Bedeutung der Natur. So beschäftigt sich „Tiny Moment“, der Titelsong des Albums, mit einem kleinen, aber magischen Moment in der Dämmerung, in dem plötzlich ein gespenstisches Element in der Luft ist, das alles zu einem kleinen Wunder verdreht und damit der Wahrnehmung des Selbst und der Umgebung einen Zauber verleiht. Dagegen geht es in „Gray’s Inn Road“ um Pilger, die ins Nirgendwo streben – ist es eine „Road To Nowhere“ oder führt sie zu einem Ziel? In Mansfields wohl bekanntestem Gedicht „This Is My World” (hier „Elixir of Life“ genannt) beschreibt sie ihr Zimmer, in dem sie sich eingeschlossen hat, um zu arbeiten und Cello zu spielen – übertragen auf heute eine Art Home Office-Arrangement, das Mansfield aber so liebt, dass sie dort auch sterben würde: „Here I am living – here I shall die“. Um die uns aufatmen lassende Natur geht es in „Villa Pauline“, in „Revelation“ um die Absurdität des menschlichen Lebens, die sich in Naturwundern und -katastrophen einerseits, und in menschlichen Gräueltaten andererseits ausdrückt. Verrat ist das Thema von „When You Hear The Serpent Hiss”, und in „Pitiful God” spricht die Autorin mit einer fiktiven Gottheit, auf die kein Verlass ist, denn in welcher Absurdität sich alles Unmenschliche wiederholt, vermag der ‚Pitiful God‘ nicht zu erklären. Mit einer Ballade über unerfüllte Liebe namens „Long-A-Long“ schließt das Album. Virginia Woolfs experimenteller Roman ‚The Waves‘ ist die einzige Ausnahme zu den Mansfield-Texten auf dem Album. Aus ihm extrahierte Schweiger unter anderem die Textzeile „Infinite time before us, we ask what shall we do, but now the current flows, now we rush faster than before…“ und brachte sie in dem Stück „Bubbles I Blow“ in einen heutigen Sinnzusammenhang. Innerhalb eines musikalischen und textlichen Stream of Consciousness entsteht das wellenartige Auf und Ab des Lebens und die rhythmische Kraft, dem Sog der Leere zu widerstehen, die sich uns angesichts der Umdrehung des Sinns von „infinite time“ zu „now we rush faster than before“ manifestiert.

Es hat lange gedauert, bis dieses Werk veröffentlicht wurde, denn die Aufnahmen wurden 2019 in Stefan Giengers Münchner „Mastermix“ Studio, dem ehemaligen Jack White-Studio, live eingespielt und 2020 in Los Angeles abgeschlossen. Schweiger hat es produziert und gemischt wurde es von Dirk Dresselhaus im ZONE-Studio Berlin. Jetzt, Ende August, erscheint das Album und „The Moon Is No Door“ kommen am 21. September nach Regensburg in die Alte Mälzerei. Dürfte ein interessantes Konzert werden. (L’ST Records/Broken Silence) P.Ro

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