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Driven

Gilbert O’Sullivan

Der Longplayer besticht durch hochklassiges Songwriting und ausgefeilte Melodien.

Seine Karriere begann vor mehr als fünf Jahrzehnten, bereits sein Debutalbum „Himself“ war mit perfekten Beispielen seiner Kunst und seines Könnens gefüllt, darunter seine erste Single „Nothing Rhymed“, die fast über Nacht die Top 10 der britischen Charts errreichte. Mit internationalen Hits wie ‘Clair‘, ‘Alone Again (Naturally)‘, ‘Get Down‘ und ‘Ooh-Wakka-Doo-Wakka-Day‘ wurde der irische Singer/Songwriter O’Sullivan in den 1970ern zum Weltstar. Sein letztes nach ihm selbst betitelte Album „Gilbert O’Sullivan“ aus dem Jahr 2018 wurde von den britischen Medien überschwänglich gelobt und erreichte die höchste Position in den britischen Albumcharts seit fast 45 Jahren. Jetzt kommt mit „Driven“ der Nachfolger, es ist sein mittlerweile 20. Album. Die neuen 13 Songs auf „Driven“ offenbaren die außerordentlichen Fähigkeiten eines Songwriters, dessen Gespür, sich bislang unentdeckten Quellen tief hängender melodischer Früchte zu bedienen, größer und ausgeprägter ist denn je. Produziert von Andy Wright und mit einer Live-Band in den legendären RAK-Studios aufgenommen, zeugt das unerwartete Tempo, mit der die Songs entstanden, von der außergewöhnlichen Chemie zwischen O’Sullivan, Wright und einer Hausband bestehend aus Pat Murdoch (Beyonce, Simply Red, Chrissie Hynde), Rich Milner (Morcheeba, James Morrison) und Geoff Holdroyde (Take That, Big Linda), die bereits unmittelbar nach Beginn der Recordings deutlich spürbar war. Das Album enthält Duette mit der schottischen Singer-/Songwriterin KT Tunstall („Take Love”) und dem Simply Red-Frontmann Mick Hucknall („Let Bygones Be Bygones”), der ein großer Fan ist. Gilberts außergewöhnliche Fähigkeit, das menschliche Befinden zu erforschen, wird in „Hey Man” deutlich; „Body and Mind” ist eine Analyse der Dinge, die einen Segen in unserem Leben darstellen und kommt als eine Art innerer Dialog über die lebenslange Geliebte des Protagonisten daher. Der Song „You and Me Babe” hingegen behandelt aktuellere Themen – Gilbert stellt hier die Dinge, die unser Leben sinnvoll machen, den Turbulenzen in der Welt gegenüber und spart dabei auch einen subtilen Verweis auf den Klimawandel nicht aus. „If Only Love Had Ears“ wird von einem äußerst zarten Streicherarrangement umrahmt und ist wohl einer der schönsten Songs, die aus Gilbert O’Sullivans Feder stammen. Weiterhin finden sich auch eine Reihe nachdenkliche Songs auf dem Album. So zeigt er sich auf „Let Me Know”, eines der sofort im Ohr bleibenden Highlights des Longplayers, in nachdenklicher Stimmung. Der Song erinnert an das erste Jahrzehnt seiner Karriere, in dem er sich gegen ernsthafte Beziehungen sträubte, weil er befürchtete, dass sich das auf sein Songwriting auswirken könnte. „Aber mir gefiel irgendwie auch der Gedanke, einen Song zu haben, in dem der Mann dem Mädchen sagt: ‚Wenn du nicht mehr mit dem Herzen dabei bist, mach dir keine Sorgen um mich. Ich komme schon klar.‘” Ein anderes Beispielt ist „Blue Anchor Bay”, in dem er in Erinnerungen über seine Teenagerzeit und den regelmäßigen Schulausflügen schwelgt, die ihn und seine Freunde eben an jenen Strand von Somerset führten, der im Titel des Songs verewigt ist.

Im Grunde ist „Driven“ ein Album, das ein nuanciertes Porträt eines Mannes bietet, der seine eigenen Werte und sein Selbstverständnis in einer zunehmend chaotischen Welt bekräftigt. Gilbert O’Sullivan war wohl nie ein konventioneller Songwriter, sondern entspricht vielleicht eher der Beschreibung eines britischen Chansonniers, der übrigens von keinem Geringeren als Lenny Kaye – Rockwissenschaftler und Gitarrist der Patti Smith Group – für seine „kunstvoll konstruierten, lyrisch originellen Songs mit einem feinen Sinn für filigrane Details” gelobt wird. Wie bei Paul McCartney und dem jungen Harry Nilsson – beides Songwriter, für die er eine große Vorliebe hegt – reicht Gilbert O’Sullivans Spannweite über die Parameter des Rock’n’Roll hinaus. „Driven‘“ besticht durch hochklassiges Songwriting und ausgefeilte Melodien. (BMG Rights) P.Ro

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