altemaelze

RAW

ZZ Top

Ein beeindruckender Tribute – „in righteous memory of Dusty Hill“

Die Stones feiern 2022 ihr 60-jähriges Bandjubiläum, da können die Rocker aus Texas noch nicht mithalten, sie spielen erst seit 1969 zusammen, doch dafür gebührt ZZ Top ein anderer Rekord: keine Band der Welt spielt so lange in gleicher Besetzung. Seit ihrer Gründung in Houston waren Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard, die wohl bekanntesten Bartträgern der Rockgeschichte, zusammen, bis zu Hill’s überraschenden Tod am 28. Juli 2021. Und dieses Live-Album ist somit auch ein Tribute an ihn. Die Songs sind der Soundtrack zum Dokumentarfilm „ZZ Top: That Little Ol‘ Band from Texas“. Der kanadische Regisseur Sam Dunn erzählt in dieser Doku wie aus drei schrulligen Teenie-Bluesfans eine der größten und beliebtesten Bands der Welt wurde. Bis heute umgibt ZZ Top ein gewisser surrealer Touch und eine Mystik, die Fans und Kritiker auch nach über 50 Jahren Bandgeschichte fasziniert. Dunn macht sich auf, diesen Mythos zu ergründen. Das Ergebnis ist ein Kaleidoskop aus sehr ehrlichen und direkten Interviews mit der Band selbst, bislang unveröffentlichtem Archivmaterial, Animationen und Statements von berühmten ZZ Top-Fans wie Billy Bob Thornton und Josh Homme und einer exklusiven Performance der Band in der legendären Gruene Hall, einer der ältesten Dance Halls in Texas. Und diese Performance gibt es nun auf diesem Album, das am 22. Juli erscheinen wird. Für das Einspielen der insgesamt zwölf Stücke auf „RAW“ wurde ganz bewusst diese klassische ‚honky-tonk‘-Kulisse ausgewählt, die weit bis in das Jahr 1878 zurückgeht, um ein möglichst freies Arbeiten und eine Aufnahme-Session zu ermöglichen, die genau das hervorbringt, was die Band ausmacht. Die Stücke sind alles Klassiker des Trios, einzig „Certified Blues“ fällt da aus dem Rahmen. Und da dürfen natürlich „La Grange“ und „Tube Snake Boogie“ nicht fehlen. Beispielhaft für die anderen Tracks hier einige Erläuterungen:

„La Grange“ zählt zu den absoluten Highlights ihres massiven Backkatalogs: Genau genommen tauchte dieser Song schon vor knapp 50 Jahren das erste Mal auf, als ZZ Top die Komposition für ihr drittes Album ‚Tres Hombres‘ einspielten, das ihnen 1973 den internationalen Durchbruch bescherte. Die Single selbst entpuppte sich als ihr größter Hit jener Tage – und zählt seit nunmehr rund fünf Jahrzehnten zu den Trademark-Songs von ZZ Top. Der Text von „La Grange“ ist eine Hommage an „The Chicken Ranch“, ein in jenen Tagen gut frequentiertes Bordell in der Nähe des texanischen Städtchens La Grange. „Kurz nachdem die Platte damals erschienen war, musste der Laden dann dichtmachen – weshalb ich viel unterwegs war und extrem viel Zeit damit verbracht hab, den Leuten in ganz Texas zu erklären, dass wir damit nichts zu tun hatten“, kommentierte Dusty Hill einst den Zusammenhang zwischen dem realen Etablissement und dem Songtext von „La Grange“. „Das war so ein Ort, an dem unglaublich viele Initiationsriten vollzogen wurden“, berichtet Billy Gibbons, der im selben Atemzug einräumt, dass das „abschließende ‘but I might be mistaken’ von Buddy Hollys ‘Peggy Sue Got Married’ inspiriert war.“ In diesem Fall also hätte sich ein ikonischer Vertreter texanischer Musik (ZZ Top) vor einem seiner direkten Vorläufer (Buddy Holly) verneigen wollen. Der ander Song, „Tube Snake Boogie“, wurde 1981 mit dem Album „El Loco“ veröffentlicht und hat sich zu einem der beliebtesten Songs bei Konzerten etabliert, der beim Publikum regelmäßig euphorische Begeisterungsstürme auslöst. Damals stieg die Single direkt nach seiner Veröffentlichung in die Top 5 der Billboard Mainstream Rock Charts ein. Für den verstorbenen Dusty Hill war es der ultimative „Partysong“. In Billy Gibbons Augen war es stets der Schlagzeuger Frank Beard, der ihn erst so richtig zum Laufen brachte und so sagt er: „Ausschlaggebend ist hier wirklich Franks Opening, die eine Art ‚Surf-meets-Jungle‘ ist“. Beard seinerseits erklärt, dass sein Schlagzeug-Intro lediglich von Sandy Nelsons perkussivem Instrumentalstück „Teen Beat“ inspiriert worden sei – ein echter Klassiker. „Tube Snake Boogie“ – geschrieben von Gibbons, Hill und Beard – zählt mittlerweile seit mehr als vier Jahrzehnten zu den wohl charakteristischsten Songs von ZZ Top. Und es ließe sich zu jedem anderen Song auch noch eine Story erzählen.

Sämtliche Songs von „RAW“ entstanden an einem einzigen Tag, wobei ZZ Top – wie der Titel schon sagt – so direkt und schnörkellos vorgingen wie in ihren Anfangstagen. In den Linernotes beschreiben Billy und Frank die Aufnahmen dementsprechend als „absolut ehrliche Rückkehr zu unseren Wurzeln. Nur wir und die Musik. Wir wussten schon zu jenem Zeitpunkt, dass das ganz besondere Umstände sein würden. Wir waren als Brüder verbunden“.  Das Album erscheint „in righteous memory of Dusty Hill“ am 22. Juli, wenige Tage vor dessen ersten Todestag. Ein beeindruckender Tribute. (Shelter Records/BMG) P.Ro

*****/*

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal